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FanFiction by *PiperHalliwell - NCIS and more...

Dieses Thema im Forum "FanFiction zu Serien und Filmen" wurde erstellt von *PiperHalliwell, 3 Mai 2009.

  1. *PiperHalliwell

    *PiperHalliwell Member

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    Hallo Ihr Lieben!

    Einige von Euch verfolgen ja schon fleißig meine FanFictions.
    Deshalb hab ich mir gedacht, ich könnte auch meine ShortCuts veröffentlichen.
    Die meisten davon waren Beiträge für den FF-Wettbewerb.

    Also, ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
    Natürlich würde ich mich über das ein oder andere Feedback freuen.

    LG Claudia






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    [NCIS] A Heart as cold as Ice [Tate]

    [NCIS] Confessions of a dangerous Mind

    [NCIS] Vendetta - Blutige Rache [Tate] (abgeschlossen)

    [NCIS] Letters from a Stranger (abgeschlossen)

    [NCIS] Revenge under the Sign of two Roses [Tate] (abgeschlossen)

    [NCIS] Drops of Blood falling down in Snow [Tate] (abgeschlossen)

    [NCIS] A Night to remember [Tiva]
    (abgeschlossen)

    [NCIS] Voice of your Heart - FS zu Kiss under the Mistletoe [Tate] (abgeschlossen)

    [NCIS-Adventskalender] Kiss under the Misteltoe *A Christmas Tate on NCIS* (abgeschlossen)

    [NCIS-Criminal Minds-Crossover] Dies Irae - Das jüngste Gericht (liegt vorerst auf Eis)





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    So still...



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    NEW!!! Killing Nikk Heat NEW!!!



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    NEW!!! For once in your Life [Aaron Hotchner POV] NEW!!!

    Decisions and Consequences [Aaron Hotchner POV] (Wettbewerbsbeitrag)



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    Shattering Dreams (Wettbewerbsbeitrag)

    Love changes [Rory/Jess] (Wettbewerbsbeitrag)



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    Forever and one Day [Izzie/Alex] (Wettbewerbsbeitrag)

    Fighting a lost Battle [Derek & Addison] (Wettbewerbsbeitrag)



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    Quälende Ungewissheit [House/Cuddy] (Wettbewerbsbeitrag)



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    Jeder Tag zählt (Wettbewerbsbeitrag)

    Der Cowboy und das Mädchen [Parodie]

    If I never see you again... [Tiva] (Wettbewerbsbeitrag)

    Cinderella Story [Tate] (Wettbewerbsbeitrag)

    Lost in Purgatory [Tate] (Wettbewerbsbeitrag)

    I promise... [Tate] (Beitrag Forum-Adventskalender 2008)

    A Winter Night's Tale [Tate] (Wettbewerbsbeitrag)

    A thin Line between Love and Hate [Tony & Kate] (Wettbewerbsbeitrag)

    NCIS - The Beginning (Wettbewerbsbeitrag)

    When your past returns (Wettbewerbsbeitrag)



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    Undisclosed Desires [Ryan/Marissa] (Wettbewerbsbeitrag)



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    Depths - Abgründe [Jane/Lisbon] (Wettbewerbsbeitrag)



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    But in the End... [Zach/Jenna] (Wettbewerbsbeitrag)





    Disclaimer:
    Alle Charaktere der verwendeten Serien sind geistiges Eigentum ihrer Erfinder und unterliegen dem Copyright der jeweiligen Produktionsfirmen.
    Diese Storys dienen lediglich zur Unterhaltung, und ich beabsichtige nicht, Geld damit zu verdienen.
    Die Hintergrundgeschichten der Charaktere - sofern sie nicht der Wahrheit entsprechen - sind frei erfunden.
    Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden und toten Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
     
  2. *PiperHalliwell

    *PiperHalliwell Member

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    [NCIS] NCIS - The Beginning

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    NCIS - The Beginning


    "I'm gonna make him an offer he can't refuse."
    'The Godfather' by Mario Puzo

    Leroy Jethro Gibbs - einer der besten Ermittler meiner Behörde, wenn nicht sogar der beste, lediglich seine Teamfähigkeit lässt sehr zu wünschen übrig. Ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern, wann es das letzte Mal jemand länger als einen Monat mit ihm ausgehalten hatte, ergriffen doch innerhalb des vergangenen Jahres fünf hervorragende Agenten spätestens nach wenigen Wochen die Flucht. Und genau dieser Mann soll nun einen ihm würdigen Ermittler gefunden haben?

    Der frühere Marine war mit einem untrüglichen Instinkt gesegnet, dem er stets vertraute und dem zu vertrauen er seinen Schützlingen lehrte. Doch diese Bemühungen musste man sich mit harter Arbeit verdienen, denn er duldete keine Unfähigkeit. Seinem Anspruch gerecht zu werden, war zugegebenermaßen nicht leicht und erforderte viel Disziplin und starke Nerven. Die oftmals drohende Ausstrahlung des Agenten ließ bisher nicht wenige Schuldige unter dem bohrenden Blick aus seinen eisblauen Augen zusammenbrechen. Aber genauso konnte sie seine Ermittler den Gehorsam oder auch das Fürchten lehren und schlug sie nicht selten, gemeinsam mit seinen unberechenbaren Launen, in die Flucht. Wenn man jedoch die Chance bekam, von ihm unter die Fittiche genommen zu werden, war bereits diese Tatsache eine ungeheure Auszeichnung.
    Schon in diesen Dinge zeigte sich, dass Leroy Jethro Gibbs kein gewöhnlicher Bundesagent war. Doch genauso war sein Team ein seltsamer Haufen - nicht nur die unterschiedlichen Charaktere, die sich dort zusammengefunden hatten - auch dessen Verbundenheit suchte seinesgleichen. Diese drei Menschen waren schon lange keine Kollegen mehr, sondern eine Familie. Doch wer sie auf die gleiche Weise kennt, wie ich es tue, wird unter diesem Wort womöglich nicht zuerst den üblichen Sinn verstehen. Dieses Team war eine eingeschworene Gemeinschaft, die einander vertraute und deren Mitglieder sich blind auf den Anderen verlassen konnten, ohne Kompromisse. In unserem Job gab es nicht viele, die das von sich behaupten konnten, doch der Zusammenhalt zwischen ihnen ging weit über das Berufliche hinaus, denn sie traten in jeder erdenklichen Situation füreinander ein, auch wenn dabei Regeln und Gesetze nicht immer an oberster Stelle standen.

    In jenen Wochen hatten mehrere Fälle von Drogenhandel und Mord auf dem Stützpunkt in Norfolk seine Kreise mittlerweile bis nach Baltimore gezogen, so dass Gibbs keine andere Wahl blieb, als mit dem Police Departement vor Ort zusammen zu arbeiten. Ich weiß, wie sehr er diese Ermittlungen hasste, denn wie so oft wurde ihm ein junger Detective zur Seite gestellt, der eindeutig überfordert mit der Größenordnung dieses Falles war und dies durch seine Übereifrigkeit wettzumachen suchte. Dennoch konnte man ihm nicht absprechen, dass mit Sicherheit ein hervorragender Polizist aus ihm werden konnte, würde er einen fähigen Mentor finden. Doch in Police Departements wie diesem hatte jeder zu viel mit sich selbst zu tun, als dass er seine Zeit und Kraft dafür nutzte, den Nachwuchs zu fördern.
    Nun hatte er jedoch für einige Tage die Chance, unter die Fittiche eines erfahrenen Agenten genommen zu werden, die er mit Freude nutzte, auch wenn sich die Zusammenarbeit hin und wieder ziemlich anstrengend gestaltete. Seine permanenten Filmrezitationen, die er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit in dem Versuch zum Besten gab, die verbissenen Nachforschungen ein wenig aufzulockern, trieben den früheren Marine beinahe in den Wahnsinn. Doch die unkonventionellen Methoden, die der junge Mann an den Tag legte, überraschten ihn, und wenn er ehrlich war, beeindruckte ihn die Fähigkeit, sich in jeder noch so ungewöhnlichen Situation zu helfen zu wissen. Aber nach außen gab er weiterhin stets den brummigen Ermittler, der mit seiner Koffeinsucht immer wieder Unverständnis bei seinem zeitweiligen Kollegen auslöste.

    Amerika - das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - auch den jungen Italiener hatte es in die Ferne gezogen, um hier, weit ab von seiner Heimat und seiner Familie, sein Glück zu suchen. Er hatte sich auf die Suche nach einer Zukunft begeben, die seinem Leben einen Sinn gab, ihn ausfüllte. Damit war er dem Einfluss seines Vaters entkommen, konnte endlich seinen Traum leben und eine Ausbildung zum Polizisten beginnen. Mehrere Jahre hatte er hart dafür gearbeitet, doch schließlich wurde er als junger Detective in den Polizeidienst aufgenommen. Dennoch blieb er in der nächsten Zeit ein rastloser Wanderer, der von einer Stadt in die nächste zog und nirgendwo wirklich heimisch zu werden schien. Den Platz zu finden, an den er gehörte, war ihm bisher verwehrt geblieben.
    Möglicherweise war es nicht die Arbeit, die den jungen Mann vollständig ausfüllen sollte, es schien etwas zu geben, das ihm in seinem Leben noch immer fehlte. Seine Familie war für ihn niemals wirklich eine solche gewesen, aber in diesem großen Land, dessen Bevölkerung abweisend und gleichgültig sein konnte, sehnte er sich bisweilen nach der Herzlichkeit seiner Heimat. Obwohl er niemals Schwierigkeiten hatte, neue Freundschaften zu knüpfen oder auch Frauen kennenzulernen, vermisste er doch einen festen Halt, einen Bezugspunkt. Keine der Städte und Police Departements konnten ihm bisher das bieten, wonach er sich unterbewusst sehnte.

    Auf der Suche nach ein wenig Ruhe stand ich wie so oft an dem Geländer der Galerie und ließ meinen Blick über das Großraumbüro schweifen, in dem sich die alltägliche Hektik ausgebreitet hatte, einzig in einem Arbeitsbereich herrschte erwartungsvolle Spannung. Nur der frühere Marine hatte meine Anwesenheit unmittelbar gespürt, doch er ließ sich nichts anmerken, sondern konzentrierte sich weiterhin mit verschlossenem Gesichtsausdruck auf die beiden Menschen, die ihm in seinem Leben wohl am nächsten standen. Die Forensikerin und der Gerichtsmediziner - sein Team und gleichzeitig seine Familie - hatten sich um den Schreibtisch von Jethro Gibbs versammelt und erwarteten gespannt seine angekündigte Neuigkeit.
    Es war mehr eine verborgene Spekulation zwischen ihnen gewesen, doch sie waren sich sicher, dass er Anthony DiNozzo zum NCIS holen würde. Auch die Beiden hatten den jungen Detective kennengelernt, und obwohl seine Art mehr als gewöhnungsbedürftig gewesen war, waren sie sicher, er würde sich gut in ihre Familie einfügen. Er hatte mich bereits am vergangenen Abend über sein Vorhaben informiert, doch es war das erste Mal seit langer Zeit gewesen, dass ein zukünftiger Agent in seinen Augen würdig war, um in sein Team aufgenommen zu werden. Jeden Einzelnen, den ich diesem zugewiesen hatte, ließ er bereits nach Tagen oder Wochen um eine Versetzung betteln.
    Es erschien beinahe wie eine Einbildung, aber die Gesichtszüge des Chefermittlers entspannten sich nun merklich, in seine Augen trat ein geheimnisvolles Funkeln. Ein deutliches Räuspern ließ die Neugier der Anwesenden ins Unermessliche wachsen, bis er schließlich erklärte: „Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“

    Für mich und wohl auch für ihn gibt es an der Antwort des jungen Mannes keinen Zweifel.
    Leroy Jethro Gibbs fragt nur einmal.
    Wenn er dir eine Chance bietet, dann greifst du zu, ohne zu zögern.



    ENDE
     
  3. *PiperHalliwell

    *PiperHalliwell Member

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    [NCIS] A thin Line between Love and Hate

    A thin Line between Love and Hate



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    In großen Flocken schwebt der Schnee vom Himmel und verfängt sich in meinen Haaren, als ich aus meinem Wagen steige, den ich auf meinem Parkplatz vor dem Appartementhaus abgestellt habe. Dann öffne ich den Kofferraum und nehme die Tüten heraus, die ich auf dem Nachhauseweg noch abgeholt habe, damit heute Abend alles perfekt wird. Die eisige Luft lässt mich frösteln, so dass ich mein Auto abschließe und zum Eingang haste, um endlich ins Warme zu gelangen. Angenehme Luft begleitet mich auf meinem Weg die Treppe nach oben, bis ich in der dritten Etage angelangt bin und den Gang entlang gehe. Der Schlüssel klappert leise in meiner Hand, als ich ihn in das Schloss meiner Wohnungstür stecke und diese dann öffne. Ein unverkennbarer Duft steigt mir in die Nase, so dass ich für einen Moment meine Augen schließe, während das weihnachtliche Gefühl durch mein Inneres strömt. Schon als kleiner Junge Junge habe ich den Geruch von Tannennadeln vermischt mit Plätzchen und gebrannten Mandeln geliebt. Doch seit ich verheiratet bin, liebe ich dieses Fest noch mehr als zuvor, denn nun habe ich endlich die Familie, die mir in meiner Kindheit nicht vergönnt war. Ich schüttle leicht meinen Kopf, um diese Gedanken zu vertreiben, denn im Moment habe ich keine Lust, meine Zeit mit negativen Erinnerungen an meine Vergangenheit zu verschwenden. Als ich mich aus meiner Trance löse, um meine Jacke auszuziehen, blicke ich durch die offene Tür ins Esszimmer, wo bereits die Dekoration für die kleine Party mit unserem Team eine feierliche Stimmung verbreitet. Nachdem meine Jacke ordentlich an der Garderobe hängt, nehme ich den grünen Zweig wieder in die Hand, den ich noch besorgt habe und befestige ihn über der Tür. Dann betrete ich voller Vorfreude das Wohnzimmer und bewundere den festlich geschmückten Christbaum, dessen Lichter den Raum in ein geheimnisvolles Licht tauchen und verzerrte Schatten an die Wände malen. Wieder einmal stelle ich fest, dass ich die unglaublichste Frau auf dieser Welt geheiratet habe und ich sie über alles liebe. Natürlich streiten wir uns ziemlich oft, aber ich glaube genau das macht unsere Beziehung aus, denn das hatten wir schon immer getan. Vielleicht geben genau diese Auseinandersetzungen und die damit verbundenen Versöhnungen unserer Ehe das gewisse Etwas und sorgen dafür, dass niemals Eintönigkeit einzieht.

    Doch plötzlich zieht ein dumpfes Poltern meine Aufmerksamkeit auf sich, so dass ich diesen ungewohnten Geräuschen durch das Appartement folge. Vor der Tür zum Schlafzimmer halte ich inne, denn ich vernehme Kates unterdrücktes Fluchen, während sie meine Sachen aus den Schränken zieht und dann aus dem Fenster wirft. Ich kann mich nicht mehr von der Stelle bewegen, sondern starre wortlos in den Raum, in dem mittlerweile enormes Chaos herrscht. „Verdammt Kate, was tust du da?“, frage ich mit kratziger Stimme, so dass sich meine Ehefrau zu mir dreht und mich mit wütend funkelnden Augen anblickt. Doch anstatt zu antworten, stürmt sie aufgebracht an mir vorbei ins Wohnzimmer und beginnt, die Weihnachtsdekoration in verschiedenen Kisten zu verstauen. Ich stehe noch immer verwirrt da, denke angestrengt darüber nach, was wohl passiert war und wie ich sie beruhigen könnte. Schließlich folge ich ihr und versuche, ein unverfängliches Gespräch zu beginnen, indem ich erkläre: „Ich habe nach der Arbeit noch einen Mistelzweig besorgt. Den habe ich schon mal über die Tür gehängt. Wer weiß, was da heute noch so alles passiert.“ Verständnislos sieht sie mich an, während ihre Augen noch immer Funken sprühen, und sie zischt: „Du hast vielleicht Nerven, DiNozzo. Glaubst du wirklich, ich wüsste nicht, wo du dich herumgetrieben hast? Denkst du, ich bin total bescheuert?“ Mit diesen Worten verschwindet sie in der Küche, wo kurz darauf ein lautes Klappern von Geschirr ertönt, das unsanft in den Schränken verstaut wird. Langsam wird diese ganze Sache wirklich lächerlich, denn ich will endlich wissen was in meine Frau gefahren ist, dass sie sich so benimmt.

    „Verdammt Kate, sag mir endlich, was los ist!“, verlange ich bestimmt, während ich in der Tür stehen bleibe. Doch ich hätte mich lieber in Sicherheit bringen sollen, denn was nun geschieht, habe ich nicht von ihr erwartet. Ohne zu zögern, lässt sie den Teller, den sie gerade in der Hand hält, in meine Richtung fliegen, so dass ich Mühe habe, in letzter Sekunde auszuweichen, während das Porzellan am Türrahmen zerschellt. Fassungslos starre ich meine Ehefrau an, die sich nun mit weiteren Teilen bewaffnet und erneut auf mich zielen will. Mittlerweile habe ich den Eindruck, mich im falschen Film zu befinden oder in einem schrecklichen Albtraum gefangen zu sein. Was, zum Teufel, war geschehen, dass sie so überreagierte? War sie vielleicht doch hinter mein Doppelleben gekommen? Bevor ich jedoch diesen Gedanken zu Ende führen kann, ertönt erneut ihre aufgebrachte Stimme: „Du willst wissen, was los ist? Du bist so armselig. Hast du wirklich geglaubt, dass ich nicht dahinter komme? Mit wem hast du dich denn heute getroffen? Chantal, Nicole oder vielleicht Francesca?“ Wieder wirft sie ein Teil unseres Hochzeitsgeschirrs nach dem anderen in meine Richtung, so dass ich eilig die Flucht antrete. In diesem Moment wird mir schlagartig klar, dass dies etwas anderes ist, als unsere typischen Streitigkeiten, denn bisher hatte ich sie noch niemals so wütend erlebt. Ich werde plötzlich das Gefühl nicht los, dass unsere Beziehung in einem ähnlichen Scherbenmeer enden könnte wie das teure Porzellan auf dem Küchenfußboden. Kate hat definitiv einen falschen Verdacht, was meine außerberuflichen Aktivitäten betrifft, doch ich habe keine Möglichkeit, ihr dies zu erklären und sie von meiner Unschuld zu überzeugen. Aber dass sie wirklich glaubt, ich würde sie betrügen, trifft mich tief, denn ich liebe sie über alles und würde ihr niemals absichtlich weh tun.

    Ich stehe unbeweglich mitten in unserem Wohnzimmer und bin vollkommen ratlos, denn ich habe keine Ahnung, wie ich meine Frau beruhigen soll. Ihre unterdrückten Schluchzer dringen an mein Ohr, obwohl sie krampfhaft versucht, die Tränen zu unterdrücken und sich ihren Schmerz nicht anmerken zu lassen. Durch die offene Tür nehme ich einen Schatten wahr, der mir verrät, dass sie zusammen gekauert auf dem Boden hockt, während ihr Körper vor Wut und Enttäuschung zittert. Dieses Bild versetzt mir einen tiefen Stich ins Herz, doch mein Stolz verhindert, dass ich sie einfach in den Arm nehme, denn dass sie mir nicht vertraut, hat mich verletzt. Seufzend fahre ich mir durch die Haare, die von den Schneeflocken noch immer ein wenig feucht sind und nun in alle Richtungen abstehen. Bevor ich Kate kennengelernt habe, hatte ich nicht viel Erfahrung mit Beziehungen, was es für mich nicht gerade leichter macht, mit ihren Vorwürfen umzugehen. Natürlich hatte ich es in meiner wilden Zeit oft erlebt, dass eine Frau eifersüchtig wurde, aber im Grunde war mir dies meistens egal, denn ich hatte noch nie zuvor so viel für eine von ihnen empfunden, wie ich es jetzt für Caitlin tue. Doch ganz gleich wie unwichtig mir die Gefühle von ihnen waren, hätte ich sie doch niemals betrogen, denn ich war schon immer ein ehrlicher Mensch. Deshalb geht es mir auch so nahe, dass meine Ehefrau, der ich immer wieder beteuere, wie sehr ich sie liebe, mich des Ehebruchs bezichtigt.



    Ich fühle mich im Moment so klein und verletzlich, dass ich mich am liebsten verkriechen würde, nur um mich nicht mit meinen Problemen auseinander setzen zu müssen. Noch immer sitze ich auf dem kühlen Küchenboden und habe meine Kopf kraftlos an einen Schrank gelehnt, denn den Kampf gegen meine Tränen habe ich schon lange verloren. Nur mit Mühe unterdrücke ich die Schluchzer, die meinen Körper schütteln, denn ich will nicht zugeben, wie zerbrechlich ich im Augenblick bin. Es war nur ein dummer Zufall, dass ich herausgefunden habe, was mein Ehemann so treibt, wenn er mir gegenüber behauptet, an einem Fall zu arbeiten. Schon seit einiger Zeit war ich misstrauisch, warum unser Boss nur ihn für Überstunden einteilt, doch ich hätte es nie gewagt, in seinen Sachen herum zu schnüffeln. Doch heute Morgen ist mir schließlich eine Visitenkarte in die Hände gefallen - die Visitenkarte einer mir unbekannten Frau. Aber als wäre das nicht schon genug, musste ich darauf auch noch eine persönliche Widmung mit ihrer privaten Handynummer lesen. Diese Entdeckung hat mich vollkommen aus der Bahn geworfen, denn egal wie ungewöhnlich sein Verhalten auch war, habe ich doch niemals erwartet, dass er mich betrügen würde. Ich habe jede einzelne seiner Beteuerungen geglaubt, seine Liebesschwüre, und nun komme ich mir so unglaublich naiv vor - ich die Profilerin habe mich von einem Mann belügen und hintergehen lassen. Bestimmt schüttle ich den Kopf, um diese Selbstvorwürfe zu verdrängen, denn sie bringen mich nicht weiter bei meiner Entscheidung, was ich tun soll. Nachdem ich mich einigermaßen beruhigt habe, erhebe ich mich wieder und wasche mir die Tränen mit kalten Wasser aus dem Gesicht, denn ich will unter keinen Umständen, dass DiNozzo sieht, wie sehr er mir mit seinem Verhalten weh getan hat.

    Langsam trete ich durch die Tür ins Wohnzimmer, wo Tony noch immer steht, mich regungslos anstarrt und jeden meiner Schritte verfolgt. Als ich ihm gegenüber trete, halte ich unvermittelt inne, denn ohne es zu wollen, zieht mich der Blick aus seinen unergründlich grünen Augen wie so oft in seinen Bann. Ich spüre erneut die Anziehungskraft, die bereits seit unserer ersten Begegnung zwischen uns herrscht, doch ich werde ihr nicht erliegen. Nach einigen Sekunden löse ich mich aus meiner Starre und gehe schweigend an ihm vorbei, um die Überreste der Dekoration zu beseitigen. Diese Dinge erinnern mich zu sehr an die fröhliche Weihnachtsstimmung, die in diesen Räumen immer geherrscht hatte, denn wir beide lieben diese Feiertage. In diesem Jahr jedoch bin ich nicht dazu in der Lage, die Erinnerungen daran zu ertragen, genauso wenig wie ich im Moment seine Anwesenheit verkrafte. „Kate“, ertönt seine sanfte Stimme, während ich die Kugeln von unserem riesigen Baum nehme, doch ohne meine Bemühungen zu unterbrechen, fauche ich: „Gib dir keine Mühe, DiNozzo!“ Ich will seine Ausflüchte, Entschuldigungen und Beteuerungen nicht hören, die er sich vermutlich schon zurecht gelegt hat, um mich wieder zu beschwichtigen. Unsanft lasse ich den Weihnachtsschmuck in in die dafür vorgesehenen Kisten fallen, ohne darauf zu achten, dass einige dabei mit einem leisen Klirren zu Bruch gehen. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, die Lichterkette von den Ästen zu zerren, die ihren Platz jedoch nicht so leicht räumen will, so dass mehr Kraft aufwende. Also lasse ich meinen Zorn an der unschuldigen Dekoration aus, anstatt an meinem Ehemann, doch der Baum wehrt sich gegen diese Behandlung, indem er plötzlich zur Seite kippt und droht, mich unter sich zu begraben. Unerwartet spüre ich Tonys starke Arme um mich, der mich aus der Schusslinie schiebt und dadurch zu Boden reißt, bevor ich sicher auf ihm lande. Für einige Sekunden genieße ich seine Nähe und kann mich nicht von ihm lösen, bis mich der schrille Ton der Türklingel in die Wirklichkeit zurückholt.

    Ich hätte beinahe vergessen, dass wir für heute eine Weihnachtsparty mit dem ganzen Team geplant haben, aber die Sache mit der Visitenkarte hat mich viel zu sehr aufgewühlt. Energisch mache ich mich von ihm los und eile zur Tür, vor der unsere Kollegen bepackt mit Geschenken warten und ausgelassen lachen. Hoffentlich bringe ich diesen Abend schnell hinter mich, denn die Feierstimmung ist mir gründlich vergangen, doch ich zwinge mich zu einem freundlichen Lächeln, während ich unsere Gäste hinein bitte. Als ich mich an Tony vorbei drängen und ins Wohnzimmer gehen will, dringt Abbys aufgeregte Stimme an mein Ohr: „Ein Mistelzweig. Ihr müsst euch küssen.“ Das ist so typisch - für sie galten wir schon immer als das heimliche Traumpaar des NCIS, doch nun hat es sich ein für alle Mal ausgeträumt. Mein Blick folgt unwillkürlich dem ihren und wandert nach oben, bevor ich das Grünzeug mit einem Ruck abreiße und in den Abfalleimer befördere. Ich registriere, wie meine Freundin mich verwirrt anstarrt, ehe sie fragt: „Was ist mit dir los, Kate? Habt ihr euch gestritten?“ Es war ja klar, dass diese Frage auftaucht, denn immer müssen sich die Leute in Angelegenheiten mischen, die sie nichts angehen. Aus diesem Grund gebe ich nur kühl zurück: „Natürlich nicht. Ich glaube nur, dass mein Ehemann heute schon genug Frauen geküsst hat. Da muss ich mich nicht auch noch in die Schlange einreihen.“ Mit diesen Worten werfe ich ihm einen tödlichen Blick zu, der seine Wirkung nicht verfehlt, denn Tony scheint sich mittlerweile mehr als unwohl in seiner Haut zu fühlen. Dennoch scheint er diese Sache nicht vor unserem Team austragen zu wollen, was mir jedoch inzwischen vollkommen egal ist.

    „Bitte Kate, können wir nicht später darüber reden“, versucht er mich zu beruhigen, doch im Moment ist es unglaublich befreiend, meine Wut einfach heraus zu lassen, so dass ich fauche: „Es gibt nichts mehr, worüber wir sprechen müssten. Ich habe die Visitenkarte von einem deiner Betthäschen gefunden.“ Während mein Ehemann von einem Augenblick auf den anderen aschfahl im Gesicht wird, weil er erkennt, dass ich sein doppeltes Spiel durchschaut habe, blicken uns unsere Kollegen ungläubig an. „Es ist nicht...“, beginnt er kaum hörbar, ohne mir in die Augen sehen zu können, doch ich unterbreche ihn sarkastisch: „... so, wie ich denke? Das ist es doch nie. Lass mich raten! Es ist alles nur ein großes Missverständnis. Spar dir deine erbärmlichen Ausreden!“ Doch nicht nur mein Zorn wächst zunehmend, auch Tony kann sich nun nicht länger zurückhalten und nimmt keine Rücksicht mehr auf unsere Freunde: „Ich kann einfach nicht glauben, dass du mir so wenig vertraust. Wieso hast du mich überhaupt geheiratet, wenn du denkst, dass ich mich noch immer mit anderen Frauen treffe?“ Ein verächtliches Lachen entrinnt meiner Kehle, während ich mit den Schultern zucke und dann erkläre: „Das frage ich mich langsam auch.“ Ich kann sehen, wie sehr ihn meine Worte verletzen, so als hätte ich ihn mitten ins Gesicht geschlagen, doch ich bin viel zu aufgebracht, als dass ich in der Lage wäre, sie zurück zu nehmen. Nocheinmal blickt er mir forschend in die Augen und setzt an, etwas darauf zu erwidern, bevor er resigniert nickt, seine Jacke vom Haken nimmt und schließlich durch die Tür in die eisige Kälte der Winternacht verschwindet. Plötzlich wird mir klar, dass meine Ehe, mein ganzes Leben in Scherben vor mir liegt, wie unser Hochzeitsgeschirr vor einigen Minuten in tausende Scherben zerbrochen ist.



    ENDE
     
  4. *PiperHalliwell

    *PiperHalliwell Member

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    [NCIS] A Winter Night's Tale

    A Winter Night's Tale



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    „DiNozzo!“ Der aufgebrachte Schrei meiner Partnerin hallt durch die eisige Luft und lässt ein freches Grinsen auf meinen Lippen erscheinen. Aufgebracht dreht sie sich zu mir und sieht mich mit blitzenden Augen an, während ihre langen Haare, in denen sich die Schneeflocken verfangen haben, locker über ihre Schultern fallen. Ohne den Blick von ihr zu wenden, beuge ich mich nach unten und forme erneut ein wenig von der eisigen Masse zu einer Kugel. Sie verfolgt jede meiner Bewegungen, während sich ihre Augen langsam zu Schlitzen verengen, ohne jedoch das wütende Funkeln zu unterlassen. Wieder einmal muss ich feststellen, wie unglaublich attraktiv meine Kollegin aussieht, wenn sie zornig ist, weshalb ich es nicht lassen kann, sie immer wieder auf die Palme zu bringen. Doch am heutigen Morgen ist dies nicht der einzige Grund, denn der Winter weckt den kleinen Jungen in mir, von dem Kate vermutlich behaupten würde, dass er niemals geschlafen hätte. Da ich mich mittlerweile zu alt dafür fühle, einen Schneemann mitten auf den Vorplatz des NCIS Hauptquartiers zu bauen, widme ich mich einer anderen amüsanten winterlichen Beschäftigung. „Ich schwöre dir, wenn du das tust, erschieße ich dich“, zischt sie mir entgegen, was mein Grinsen jedoch nur noch breiter werden lässt. Es ist wie ein innerer Zwang, der meinen Arm dazu bringt, auszuholen und den Schneeball in ihre Richtung zu werfen, der sie auch prompt trifft. Nun hat sich zu dem weißen Fleck auf ihrem Rücken noch ein zweiter an der Schulter dazu gesellt, was ihre Laune jedoch nicht anhebt.
    Eigentlich habe ich vermutet, dass sie ein Fan von Weihnachten und allem, was dazu gehört, ist, aber scheinbar habe ich mich geirrt. Doch unvermittelt erkenne ich, wie in ihr der Wunsch nach Rache entbrennt, so dass auch sie eine Handvoll der eisigen Pracht zu einer Kugel formt und mich herausfordernd anblickt. Ich lasse mich jedoch nicht beirren und rühre mich nicht von der Stelle, immer darauf gefasst, einem Angriff blitzschnell ausweichen zu können. Doch ihre fröhlich glitzernden Augen, die vor wenigen Sekunden noch wütend gefunkelt haben, ziehen mich plötzlich in ihren Bann, so dass ich ihren Schneeball nicht registriere, der auf mich zufliegt, mich natürlich am Kopf trifft und meine sorgfältig gegelten Haare völlig durchnässt. Ein schadenfrohes Lächeln breitet sich auf dem Gesicht meiner Partnerin aus, als sie meine entsetzte Miene sieht, was mich dazu bringt, eine wilde Schneeballschlacht einzuläuten. Minuten später sind unsere Jacken über und über mit weißen Flecken verziert und vollkommen durchnässt, während wir bei unserem Anblick in belustigtes Lachen ausbrechen und unsere Umgebung völlig vergessen. Unser ausgelassenes Kichern erinnert wohl eher an kleine Kinder als an Bundesagenten, was unseren Kollegen, die an uns vorbei laufen und das Hauptquartier anstreben, ein verständnisloses Kopfschütteln entlockt. Langsam nähere ich mich ihr, um ihr den Schnee aus dem Gesicht zu wischen, bevor ich erneut in ihren Augen versinke und in meiner Bewegung inne halte. Doch das laute Räuspern unseres Vorgesetzten, der sich uns mit zwei riesigen Kaffeebechern in den Händen nähert, schreckt uns schließlich aus diesem magischen Moment auf.

    Seit Stunden sitze ich bereits an meinem Schreibtisch und versuche vergeblich, mich auf meine langweilige Aktenarbeit zu konzentrieren, denn Kates Anblick heute Morgen, ihre geröteten Wangen, ihre glänzenden Augen und ihr strahlendes Lächeln gehen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss mich schon beinahe dazu zwingen, dass meine Aufmerksamkeit nicht ständig zu dem mir gegenüberliegenden Arbeitsplatz wandert. Seufzend sehe ich auf meine Uhr und stelle fest, dass sich der Feierabend nun doch langsam nähert, den Gibbs hoffentlich auch bald einläuten wird. Schon lange ist mir kein Tag mehr so lang vorgekommen, doch ich will unter keinen Umständen, dass ein Fall vielleicht doch noch unsere Planung für den Abend über den Haufen wirft. „Ihr könnt gehen“, ertönt schließlich die Stimme unseres Bosses, der ernst hinzufügt: „Ich will euch pünktlich in zwei Stunden wieder hier sehen“, und einen bedeutungsvollen Blick in meine Richtung wirft. Doch ich ignoriere seinen unausgesprochenen Vorwurf, denn ich werde mir den Tag nicht von ihm verderben lassen, es reicht schon, dass wir an Weihnachten den Bereitschaftsdienst übernehmen müssen, da können wir wenigstens bei einer kleinen Feier für festliche Stimmung sorgen. Eilig packe ich meine Sachen zusammen und bin im Aufzug verschwunden, ohne auf die fragenden Gesichter meiner Kollegen zu achten, aber ich habe noch etwas zu erledigen.

    Kurz vor acht betrete ich das aufwendig geschmückte Hauptquartier, wo unzählige Lichter meinen Weg in unsere Büroetage begleiten. Als ich den Fahrstuhl verlasse, stelle ich fest, dass meine beiden Kolleginnen ganze Arbeit geleistet haben, auch in unserem Arbeitsbereich ein wenig festliche Stimmung zu verbreiten. Während ich mich ein wenig umblicke, ergreift auch mich langsam das Weihnachtsfieber, so dass ich mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen an meinen Schreibtisch trete, um meinen Rucksack abzulegen. Doch bevor ich mich meiner Jacke und meiner Handschuhe entledige, nähere ich mich meiner Partnerin, die mit Abby in ein angeregtes Gespräch vertieft zu sein scheint. Ich hebe den Zweig, den ich noch im Garten der Nachbarn entwendet habe, über unsere Köpfe und blicke sie herausfordernd an. „Was soll das, DiNozzo?“, fragt Kate mich jedoch genervt, während die Forensikerin breit grinst, so dass ich erkläre: „Das ist ein Mistelzweig, Katie. Du weißt, was das heißt?!“ „Ich werde dich bestimmt nicht küssen“, zischt sie leise und nimmt mir einfach das Grünzeug aus der Hand.
    Plötzlich verändert sich jedoch Abbys Gesichtsausdruck, während sie aufgeregt in der Luft herumfuchtelt und ruft: „Kate, lass das fallen!“ Meine Kollegin wirft ihrer besten Freundin einen verwirrten Blick zu, die hastig hinzufügt: „Das ist keine Mistel, das ist Gifteiche.“ Caitlin kommt umgehend ihrer Aufforderung nach, bevor sie mich wütend anfunkelt und in Richtung der Waschräume verschwindet, während ich ihr fassungslos hinterher starre. Auch die Forensikerin folgt ihr unruhig, so dass ich mal wieder der Einzige bin, der diese Aufregung nicht nachvollziehen kann. „DiNozzo, räum das Unkraut weg!“, reißt mich jedoch die Stimme meines Vorgesetzten, begleitet mit einer saftigen Kopfnuss, aus meiner Trance. „Und wenn du noch einmal versuchst, einen meiner Agenten zu vergiften, dann gnade dir Gott.“ Ich unterdrücke ein Seufzen, als ich mich hinunter beuge und meine sorgfältig geplante Überraschung beseitige. Eigentlich habe ich gehofft, dass meine Partnerin alte Traditionen liebt, doch nun habe ich sie wohl endgültig gegen mich aufgebracht. Dabei hatte dieser Morgen so schön begonnen, als wir uns unerwartet näher gekommen sind, so dass ich mich richtig auf unsere kleine Teamfeier gefreut habe. Aber wie immer gelingt es mir, alles mehr als gründlich zu vermasseln, auch wenn ich es mir noch so schön vorgestellt habe.

    Den restlichen Abend würdigt mich Kate keines einzigen Blickes und gibt mir auch keine Chance, mich bei ihr zu entschuldigen. Nach dieser ganzen Sache ist mir die Weihnachtsstimmung gründlich vergangen, so dass ich mich in Abbys Labor zurückziehe, um wenigstens für ein paar Minuten die Stille genießen zu können. Immerhin sind die vergangenen Stunden sehr ruhig verlaufen, so dass wir ausnahmsweise keinen unerwarteten Fall bekommen haben und uns nicht um irgendwelche Ermittlungen kümmern müssen. Ich lasse mich auf dem Boden nieder, lehne mich an die Tür des Kühlschranks und schließe erschöpft meine Augen, denn ich bin mittlerweile seit fast 24 Stunden auf den Beinen. Immer wieder habe ich ihren aufgebrachten Blick im Kopf, als meine Partnerin registriert hat, dass ich sie küssen wollte und noch dazu beinahe vergiftet hätte. Ich atme tief durch und versuche energisch, diese Bilder endlich zu vertreiben, denn scheinbar habe nur ich jenen magischen Moment heute Morgen zwischen uns gespürt, oder zumindest geglaubt zu spüren. Doch die Ruhe, die mich an diesem Ort umgibt, macht meine wirren Gefühle nur noch unerträglicher, aber um zurück nach oben zu gehen und mich der Gleichgültigkeit meiner Kollegin auszusetzen, bin ich noch nicht bereit. Kurz denke ich darüber nach, hinaus zu gehen, in der Hoffnung, die Kälte würde meine trüben Gedanken vertreiben, doch dann verwerfe ich diese Idee. Dieser Winterabend ist vermutlich viel zu romantisch, als dass man ihn allein verbringen sollte, so dass ich mich wieder zurücklehne und weiterhin still verharre.
    Erst das leise Zischen der automatischen Türen reißt mich aus meiner Suche nach Entspannung, so dass ich neugierig aufsehe, um zu erkennen, wer meinen Rückzugsort gefunden hat. Doch die Person, die vor mir steht, habe ich nicht erwartet, so dass ich hastig aufspringe, während sie unsicher erklärt: „Ich habe mich gewundert, wohin du verschwunden bist.“ „Ich wollte nur kurz dem Partytrubel entkommen“, gebe ich ausweichend zurück und mustere sie eine Weile schweigend, ehe ich flüstere: „Es tut mir leid, Kate. Ich wollte dich nicht in Gefahr bringen.“ Bei meinen Worten lächelt sie mich sanft an und erwidert schließlich: „Das weiß ich, Tony. Ich habe überreagiert, aber du hast mich einfach überrollt, und ich wusste nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich meine, immerhin war das ganze Team da und Gibbs und Regel 12...“ Mit dieser Erklärung verstummt sie schließlich, so dass ich nicke und dann den Blick senke, bevor ich kaum hörbar zurückgebe: „Alles, was ich gehofft habe, war, dass ich dir einen kleinen Kuss unter dem Mistelzweig entlocken könnte.“ „Du kannst es auch ohne dieses Grünzeug versuchen.“ Kates sanfte Stimme lässt mich überrascht aufblicken, doch entgegen meiner Erwartung lächelt sie mich noch immer an, so dass ich einen Schritt auf sie zu gehe. Ich kann ihren Atem auf meinem Gesicht spüren, als ich vorsichtig durch ihre Haare streiche und mich ihr dann nähere. Kaum berühre ich ihre Lippen mit den meinen, durchströmt ein unglaubliches Gefühl der Wärme meinen Körper, so dass ich sie noch näher an mich ziehe und sie liebevoll küsse...


    ENDE
     
  5. *PiperHalliwell

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    [NCIS] I promise...

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    I promise...



    „Ach, wär's doch endlich Weihnachten.“

    Die großen weißen Flocken wirbelten in einem dichten Schleier zu abertausenden auf Washington D.C. hinab. Straßen und Häuser waren bereits von einer dicken Schneedecke überzogen, die jedoch immer weiter zunahm. Die kahlen grauen Riesen, die noch vor einigen Monaten lebendige Bäume waren, wirkten wie vor Kälte erstarrt. Nicht einmal der eisige Wind, der die Eiskristalle in einem Nebel vor sich her trieb, war dazu in der Lage, die dürren Äste zu einer leisesten Regung zu bringen. Graue Wolken hatten sich am Nachthimmel aufgetürmt und ließen die Szenerie noch bedrohlicher wirken. Weder der Mond noch die Sterne durchdrangen die dichte Decke, um die Dunkelheit ein wenig zu erhellen. Die Bürgersteige lagen beinahe ausgestorben da, und auch die Autos standen größtenteils entweder geschützt in der Garage oder verlassen und von einer weißen Schicht bedeckt am Straßenrand. Eine fast beängstigende Stille umhüllte die Stadt, der die ansonsten so geschäftige Atmosphäre gewichen war.

    Das kleine Mädchen, das sich sehnlichst die Feiertage herbeiwünschte, saß am Fenster und verfolgte den Weg des Schnees, der in wunderschönen Kristallen, die in der Beleuchtung der Straßenlaternen geheimnisvoll glitzerten, unaufhörlich von Himmel tanzte. Nachdem einige der Flocken auf die Scheibe geprallt waren, schmolzen sie auf der warmen Oberfläche und rannen als Wassertropfen nach unten, bevor sie endgültig aus ihrem Blickfeld verschwanden. Sie hatte ihren Kopf an den Rahmen gelehnt, wobei ihre langen braunen Haare in sanften Wellen über ihre Schultern fielen. Die Stimmung in ihrem Inneren glich der, die da draußen in der eisigen Kälte herrschte und auch sie hatte erstarren lassen. Die Sechsjährige wurde von Totenstille und gespenstischer Dunkelheit eingehüllt, doch diese bedrückende Atmosphäre war sie bereits seit längerer Zeit gewöhnt. Seit Monaten wohnte sie bereits hier und fühlte sich noch immer so allein wie am ersten Tag, obwohl in diesem Haus noch viele andere Kinder lebten. Aber keines von ihnen konnte den Verlust ausgleichen, den sie erlitten hatte, so dass sie sich immer mehr verschloss und vor den Anderen zurückzog. Der einzige Lichtblick war das Weihnachtsfest, das vor der Tür stand, doch die spärliche Dekoration und der kümmerliche Christbaum im Gemeinschaftsraum ließen wenig Feierlichkeit erwarten.


    Anthony DiNozzo macht sich mittlerweile ernsthafte Sorgen um seine Freundin, die bereits seit mehreren Wochen sehr schlecht und nun auch unruhig schläft. Doch in dieser Nacht dreht sie sich nicht nur ruhelos von einer Seite auf die andere, sondern murmelt auch unverständliche Worte, während unaufhörlich Tränen über ihre blassen Wangen rinnen. Vorsichtig trocknet er die salzigen Spuren auf ihrem Gesicht und streicht zärtlich über ihre weiche Haut, während er flüstert: „Katie. Hey, wach auf!“ Die junge Frau wird zunehmend unruhiger, so dass er sanft an ihrer Schulter rüttelt, woraufhin sie ruckartig aus ihrem Traum hochfährt. Am ganzen Körper zitternd, schlingt sie ihre Decke enger um sich und blickt sich dann verängstigt in dem halbdunklen Zimmer um. Sofort nimmt Tony sie in den Arm, zieht sie eng an seinen Körper und lässt seine Hand immer wieder beruhigend über ihren Rücken fahren. Kate lehnt sich erschöpft an die Brust ihres Freundes, schließt ihre Augen und lauscht seinem gleichmäßigen Herzschlag, der sie langsam entspannen lässt. Eine scheinbare Ewigkeit sitzen die Beiden schweigend im Bett, genießen die Wärme und Nähe zu ihrem Partner, während ihre Gedanken unaufhörlich um die Geschehnisse der letzten Minuten kreisen.

    „Was ist los, Süße?“, fragt der junge Mann sie schließlich behutsam, doch Kate schüttelt wortlos den Kopf, ohne sich von ihm zu lösen. Er weiß, dass er sie nicht drängen darf, doch er will nicht einfach aufgeben, sondern wird für sie da sein, wenn sie ihn braucht. Nach einer Weile schiebt er sie ein wenig von sich und legt seinen Zeigefinger unter ihr Kinn, um sie sanft dazu zu zwingen, ihn endlich anzusehen. Schließlich hebt sie ihren Blick, schaut ihm in die unendlich grünen Augen, die in ihrem Inneren immer ein Gefühl von Geborgenheit auslösen. Was Tony jedoch in den ihren erkennt, lässt ihn erschaudern, denn das normalerweise warme haselnussbraun hat seinen Glanz verloren, wirkt nun matt und stumpf. Irgendwann macht er einen zweiten Versuch, mit ihr zu sprechen: „Bitte erzähl mir, was mit dir los ist. Wovor hast du Angst, Katie?“ Noch immer blickt sie ihn unbeweglich an, ohne ein Wort zu sagen, so dass er hinzufügt: „Du weißt, dass ich immer für dich da bin.“ Die junge Frau nickt verstehend, bevor sie sich erneut in seine Arme kuschelt und schließlich mit zitternder, kaum hörbarer Stimme beginnt zu erzählen.

    „Du weißt, dass meine Eltern vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall gestorben sind. Also, das ist nicht die ganze Wahrheit.“ Für einen Moment hält sie inne, doch Tony gibt ihr die Zeit, die sie braucht, während sie tief Luft holt und dann fortfährt: „Ich war fünf Jahre alt, als es passiert ist. Von einer Sekunde auf die andere habe ich nicht nur meinen Vater und meine Mutter verloren, sondern auch meinen großen Bruder. Ich war plötzlich ganz alleine. Danach bin ich in ein Kinderheim mit katholischer Mädchenschule gekommen. Das war wirklich schlimm für mich. Die Nonnen waren nicht nur furchtbar streng, sondern ich habe mich auch mit keinem der anderen Kinder verstanden. Ich habe mich ständig so einsam gefühlt.“ Erneut rinnen die Tränen unaufhaltsam über ihre Wangen, die der junge Mann zärtlich trocknet und flüstert: „Es tut mir so leid, Katie. Wenn ich das gewusst hätte, dann... Ich habe mich so oft über deine katholische Schule lustig gemacht. Ich wollte dir damit nicht weh tun.“ Sie hebt langsam den Kopf, um ihm in die Augen zu blicken und erwidert: „Das weiß ich, Tony.“

    Für eine Weile sitzt die junge Frau schweigend da, genießt die Umarmung ihres Freundes und hängt ihren Erinnerungen nach, bevor sie sich schließlich dazu durchringt, ihm von ihrem Albtraum zu erzählen: „Das schlimmste für mich war die Weihnachtszeit. Obwohl ich noch so klein war, kann ich mich noch genau an das letzte Fest mit meinen Eltern und meinem Bruder erinnern. Wir hatten einen wunderschön geschmückten Baum und Mom hat mit uns Plätzchen gebacken. In meinem ersten Jahr in diesem Heim habe ich fast jede Nacht am Fenster gesessen und in die Dunkelheit gestarrt. Ich habe die Schneeflocken beobachtet, wie sie sanft vom Himmel gerieselt sind. Ich konnte es kaum erwarten, dass endlich Weihnachten wird, weil ich gedacht habe, dass wenigstens in dieser Zeit alles anders ist. Aber je näher das Fest rückte, desto einsamer habe ich mich gefühlt. Diese Tage waren einfach die schrecklichsten des ganzen Jahres. Es gab kaum Dekoration und der Christbaum war ein hässlicher Krüppel. Die ganze gemütliche Atmosphäre, die Geborgenheit, die ich von zu Hause kannte, hat mir gefehlt.“ Tony streicht zärtlich eine Strähne des dunkelbraunen Haares aus ihrem Gesicht, bevor er sie ein wenig von sich schiebt und ihr ernst in die Augen blickt.

    „Du hast doch trotzdem noch ein paar Erinnerungen an die schönen Weihnachtsfeste mit deiner Familie, auch wenn du noch sehr klein warst. Die wird dir niemals jemand wegnehmen können. Das mag zwar jetzt bescheuert klingen, aber ich weiß, wie einsam man sich an diesen Tagen fühlen kann. Aber dagegen werden wir jetzt etwas unternehmen“, erklärt er euphorisch und springt mit diesen Worten aus dem Bett, um seine Freundin auf die Füße zu ziehen. Ihr entfährt ein überraschtes Quietschen, bevor sie verwirrt fragt: „Was hast du vor, Tony?“ Der junge Mann grinst daraufhin von einem Ohr zum anderen und erläutert dann sein Vorhaben: „Wir werden deine Kindheitserinnerungen wieder ein wenig auffrischen. Ich werde dir das beste Weihnachten organisieren, das du je erlebt hast. Wir gehen gleich einen riesigen Baum kaufen, und dann besorgen wir Unmengen von Deko.“ Bei diesen Worten ziert ein glückliches Lächeln ihre Lippen, als sie flüstert: „Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“ „Hm, aber ich kann es nicht oft genug hören. Ich liebe dich auch, Katie“, erwidert er, bevor er sie an sich zieht und zärtlich küsst. Nur widerstrebend lösen sie sich wieder voneinander und halten dann einige Momente mit geschlossen Augen, die Stirn an die ihres Partners gelehnt, inne. Doch es gibt noch etwas, das Tony auf dem Herzen liegt: „Ich werde dafür sorgen, dass du diese schreckliche Zeit endlich vergisst. Das verspreche ich dir.


    ENDE
     
  6. *PiperHalliwell

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    [House M.D.] Quälende Ungewissheit

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    Quälende Ungewissheit



    Ein penetrantes Klopfen riss mich schlagartig aus meiner Trance, sodass ich den späten Besucher verfluchte, war ich mir doch sicher, dass es nur einen Menschen gab, der es wagte, in diesem Moment vor meiner Tür zu stehen. Aber ich wusste genau, dass er nicht locker lassen würde, bis ich ihm endlich öffnete, auch wenn er die ganze Nacht vor meinem Haus verbringen musste, sodass ich mich seufzend aus meiner unbequemen Position auf dem Fußboden erhob. Ich hatte die Zuflucht des renovierten und neu eingerichteten Kinderzimmers gesucht, das nun niemals seinen Zweck erfüllen sollte, aber dieser Ort hatte alles nur noch schlimmer gemacht, hatte die schmerzenden Gefühle unbarmherzig an die Oberfläche drängen lassen.
    Kaum war ich in meinem Heim angekommen, hatte ich meinen Tränen endlich freien Lauf gelassen, gab es doch hier niemanden, vor dem ich mich verstecken musste. In der wenigen Zeit, die ich nur zu Hause verbrachte, konnte ich der Mensch sein, der ich wirklich war, konnte ich selbst sein, ohne permanent die starke Klinikleiterin spielen zu müssen, konnte meine Maske fallen lassen. Auch ich kannte diese Momente, in denen man die Mauer um sich nicht länger aufrecht erhalten konnte, doch da war niemand, der mich hätte auffangen können, so dringend ich an diesem Tag auch einen Menschen gebraucht hätte. Also hatte ich mich verkrochen und mich vor der Außenwelt abgeschottet, hatte meinen bequemen Jogginganzug angezogen und mich der Stille und Einsamkeit meines Hauses überlassen. Doch in dieser Situation war die Gewissheit endgültig über mich hereingebrochen, dass ich niemals würde ein eigenes Baby in meinen Armen halten können. Ich machte mir nicht länger Illusionen, schließlich war ich über vierzig, in meinem Beruf voll ausgelastet und hatte keinen Mann der Seite. Wer sollte, nachdem ich monatelang erfolglos versucht hatte, selbst schwanger zu werden, mir sein Kind zur Adoption überlassen?
    Wie lange ich in diesem Raum gesessen hatte, wusste ich nicht mehr, hatte ich doch auf die erlösende Wirkung meiner Tränen gehofft, die jedoch ausblieb. Alles, was ich fühlte, war unendliche Leere, die durch nichts gefüllt werden konnte, denn ich hatte mit diesem erneuten Rückschlag auch das letzte Fünkchen Hoffnung in meinem Inneren endgültig verloren. Langsam durchquerte ich den Flur und ging zur Tür, streckte zögerlich meine Hand nach der Klinke aus, denn im Grunde hatte ich Angst vor seiner Anwesenheit und der unausweichlichen Konfrontation mit meinem Kummer. So sehr es auch schmerzte, gelang es ihm doch stets, diese Qualen mit seinen Worten noch zu verschlimmern und die Wunden in meinem Herz weiter zu vertiefen.

    Nachdem ich die Tür geöffnet hatte, blickte ich in seine Augen, die mich ernst musterten, doch ich erklärte erschöpft: „Es ist wirklich nicht die beste Zeit für Schadenfreude.“ Ohne seine Reaktion auf meine Worte abzuwarten, wandte ich mich ab und ging zurück ins Haus, wohl wissend, dass er mir folgen würde. In diesem Moment fühlte ich mich mehr als unwohl in meiner Haut, was auch mein Aussehen nicht besser machte, eine Tatsache, die mir, auch wenn ich dies niemals zugeben würde, ihm gegenüber unangenehm war, denn er sollte mich in diesem Moment der Schwäche nicht sehen. „Es gibt mehr als ein Baby da draußen. Die Welt ist voller unreifer Teenager“, riss mich plötzlich seine Stimme aus meinen Überlegungen, sodass ich ein wenig überrascht aufsah und resigniert zurückgab: „Nein, ich bin mit diesem Thema fertig. Ich kann das nicht noch einmal durchmachen.“ Das Gefühl, vollkommen am Ende zu sein, brachte mich dazu, meinen Traum endgültig zu begraben, denn ich wusste, ich könnte diesen Schmerz nicht ein zweites Mal ertragen. „Sie geben auf. Genau wie Sie den Versuch der künstlichen Befruchtung aufgegeben haben“, fasste er meine Aussage zusammen, was aus seinem Mund noch endgültiger klang, aber ich erwiderte lediglich sarkastisch: „Ja, so ungefähr.“
    Hatte ich bereits vor seinem Auftauchen keine Nerven für eine Unterhaltung dieser Art gehabt, brachte mich nun jedes seiner Worte dazu, mich noch schlechter zu fühlen. Doch er wäre nicht House, wenn er nicht noch einen oben drauf setzen würde: „Sie haben es schon wieder getan. Das ist zu schade. Sie wären eine großartige Mutter geworden.“ Für einige Sekunden war ich verwundert, glaubte, mich verhört zu haben, aber was erwartete ich eigentlich von diesem Menschen? Mein Schmerz war plötzlich verflogen, hatte dem Zorn Platz gemacht, dem Zorn auf diesen Mann, der in mein Haus kam, nur in dem Vorhaben, mich noch weiter nach unten zu ziehen. In den Jahren, die ich ihn mittlerweile kannte, hatte ich gelernt, mit ihm und seinen Attacken umzugehen, doch in diesem Moment war ich verletzlich und hatte nicht die Kraft, zurück zu schlagen. Aus diesem Grund ließ ich meiner Wut freien Lauf: „Sie elender Bastard! Als ich ein Baby bekommen sollte, haben Sie mir eingeredet, ich würde als Mutter versagen. Und jetzt nachdem ich alles verloren habe, sagen Sie mir, ich wäre großartig als Mutter? Warum müssen Sie alles negieren?“
    Erst als ich ihm bei diesen Worten erneut ins Gesicht blickte, wurde mir klar, wie nah er mir plötzlich war, eine Tatsache, die mich schwer schlucken ließ. Ich versuchte, in seinen Augen zu lesen, versuchte durch diese, seine Motivation zu verstehen, doch sie waren so undurchdringlich wie immer. „Ich weiß es nicht“, antwortete er schließlich auf meine Frage, aber es war nicht mehr als ein heißeres Flüstern, das unvermittelt einen Schauer über meinen Rücken rinnen ließ. Einige Sekunden standen wir uns regungslos gegenüber, als er mir immer näher zu kommen schien, sodass ich seinen Atem auf meiner Haut spüren konnte. Doch dann fühlte ich auch seine Lippen auf den meinen, im ersten Moment noch sanft und zurückhaltend, ehe sein Kuss leidenschaftlicher und fordernder wurde. Wie von selbst legten sich meine Finger in seinen Nacken und zogen ihn noch enger an meinen Körper, während ich seine Hände an meinem Rücken spüren konnte. Seine Zunge stupste ungestüm gegen meine Unterlippe, und ohne mir im Klaren über mein Handeln zu sein, gewährte ich ihr Einlass, empfing sie mit der meinen.

    Nach einer scheinbaren Ewigkeit lösten wir uns schwer atmend voneinander, blickten unserem Gegenüber in die Augen, auf der Suche nach einer Erklärung, nach den richtigen Worten. Er war der Erste, der schließlich seine Sprache wiederfand, aber ehe er sich zum Gehen wandte, sagte er lediglich leise: „Nacht.“ In meinem Inneren stürmten die Gedanken und Gefühle durcheinander, während ich sah, wie er nach der Türklinke griff, sodass ich ihm nachrief: „House, warten Sie!“ Erstaunt hielt er in seiner Bewegung inne und blickte mich fragend an, doch ich wusste selbst nicht, warum ich ihn hatte aufhalten wollen. Ich war nicht dazu in der Lage, das Chaos in meinem Kopf zu ordnen, so sehr ich mich auch bemühte, als die Worte wie von selbst über meine Lippen kamen: „Schlafen Sie mit mir!“ Nach dieser Aufforderung starrte er mich mit einer Mischung aus Unglaube und Entsetzen an, die mehr als untypisch für ihn war, sodass ich beinahe flehend hinzufügte: „Bitte.“



    **********​

    Eine einzige Entscheidung kann das ganze Leben für immer verändern, diese Tatsache war auch Lisa Cuddy schmerzhaft bewusst geworden, als sie am Morgen nach jenem verhängnisvollen Besuch erwachte. Die folgenden Stunden waren die reinste Hölle für sie, und auch in den nächsten Tagen sollte es nicht besser werden. Sie hatte ihm kaum mehr in die Augen blicken können, doch wider Erwarten verlor er kein einziges Wort über jene Nacht. Weder ließ er eine verletzende Bemerkung fallen, noch sprach er über das Geschehen, was wohl dringend nötig gewesen wäre. Aber ein Gregory House schert sich nie darum, was Andere brauchen oder was sie fühlen. Sie kennt ihn seit Jahren, sie weiß, welche Art Mensch er ist und dass sich daran niemals etwas ändern würde. Auch in dem Moment, als sie ihre Bitte aussprach, war sie sich dessen bewusst, aber sie tat es dennoch, ehe sie sich über die Folgen ihres Handelns klar werden konnte.
    Es ist nicht so, dass sie streng nach den Regeln der Religion lebt, schon gar nicht nach den katechetischen Richtlinien der römisch-katholischen Kirche. Aber gewisse Dinge sollten auch im alltäglichen Leben ihre Gültigkeit haben, Dinge wie die Einhaltung der zehn Gebote oder auch die Meidung der Sünde. Eine solche beging sie jedoch in jener Nacht, - vermutlich nicht nur eine - indem sie all ihre Vorsätze, alle Konventionen vergaß. Wenn sie diesen Fehler wenigstens auf ihn, auf zu viel Alkohol schieben könnte, aber sie war diejenige, die ihn verführte, die ihn bei vollem Bewusstsein förmlich darum anflehte. Niemals hätte sie erwartet, dass es für sie einen Punkt geben konnte, an dem sie tatsächlich so tief sinken würde, nicht nur vor ihm, auch vor sich selbst. Doch noch immer brennt die Todsünde tief in ihrem Herzen, lässt sie in dem Zustand der Sünderin verharren, während ihre Reue versucht, dagegen anzukämpfen.
    Aber nicht genug dass sie gegen die Regeln verstieß und mit ihrem Untergebenen schlief, musste sie sich ausgerechnet auf den Mann einlassen, der sich für niemanden als sich selbst interessierte. Auch wenn es in jener Nacht richtig erschien, hätte sie darüber nachdenken müssen, was diese Entscheidung für sie und ihr weiteres Leben bedeuten würde. Doch in diesem Augenblick war sie nicht Herr über ihre Gefühle, schaltete sich ihr Kopf aus, noch ehe sie sich darüber im Klaren war, welche Auswirkungen sie zu erwarten hätte. Der Verlust, den sie an jenem Tag verkraften musste, brachte sie dazu, ohne Rücksicht auf ihn, sogar ohne Rücksicht auf sich selbst, zu handeln. Dennoch muss sie zugeben, dass sie es genoss, obwohl sie es nicht sollte, obwohl sie wusste, wie falsch es war und noch immer ist. Er hingegen stahl sich bereits in der Dunkelheit davon, verschwand in den Schatten der Nacht, kaum dass der Schlaf Besitz von ihr ergriffen hatte.

    Doch nun, Wochen später, kreisen ihre Gedanken wie an jedem einzelnen Tag ununterbrochen um jene Minuten, die sie gemeinsam mit ihm verbrachte. Trotz dieser andauernden Überlegungen hat sie noch immer keine Antwort auf die Frage gefunden, wie sie sich verhalten soll. Natürlich spürt sie die Reue in ihrem Inneren, aber gleichzeitig ist da auch dieses sonderbare Gefühl, das sich nicht definieren lässt. Sie kann nicht leugnen, dass sie Angst hat, Angst vor der Gegenwart, Angst vor der Zukunft, die plötzlich so ungewiss erscheint wie nie zuvor. Bisher wusste sie stets, wie ihr Leben weitergehen würde, wie sie sich verhalten musste, aber nun steigen die Zweifel und die Sorge vor den Konsequenzen. Was würde erst passieren, würden in wenigen Minuten auf diesem kleinen Röhrchen in ihren Händen zwei Striche erscheinen? Sollten diese die gerechte Strafe für ihr Handeln, für ihr Spiel mit dem Feuer, mit der Sünde, sein?

    Die Fliesen in ihrem Rücken fühlen sich beinahe eisig an, aber dieses Gefühl lenkt sie wenigstens für einige Sekunden von ihren Gedanken ab, die ohnehin zu keinem Ergebnis führen. Zwei Wochen sind seit jener Nacht vergangen, zwei lange qualvolle Wochen, von denen sie sich wünscht, sie niemals erlebt haben zu müssen. Doch ihr eigenes Handeln hatte sie in diese Situation gebracht, in der sie sich jetzt befindet und von der sie nicht weiß, wie sie mit ihr umgehen soll. Seit einer Stunde müsste sie bereits in ihrem Büro sitzen, die stets korrekte Klinikleiterin spielen, aber heute Morgen fand sie nicht die Kraft dazu, ihr Haus zu verlassen und ihre Maske aufzusetzen, die sie seit diesen Geschehnissen stets noch fester zurrte. Während sie ihrer Arbeit und ihren Kollegen auf diese Weise entfliehen kann, gibt es jedoch vor den unzähligen Fragen in ihrem Kopf kein Entrinnen. Besonders eine dieser Fragen hat sich regelrecht in ihr Gedächtnis eingebrannt. Soll sie sich wirklich wünschen, schwanger zu sein? Von ihm? Sie weiß es nicht. Sie weiß rein gar nichts mehr, kann kaum einen klaren Gedanken fassen.
    Ihre Finger krampfen sich beinahe schmerzhaft um das kleine Röhrchen in ihrer Hand, während die Angst vor dem, was dieses Stück Plastik offenbaren würde, ins Unermessliche wächst. Was hatte sie nur so verzweifelt in ihrem Versuch, ein Baby zu bekommen, werden lassen? Sie wollte resignieren, hatte längst resigniert, doch seine Worte brachten sie dazu, die Hoffnung nicht aufzugeben und für ihren Wunsch zu kämpfen. Aber vermutlich war ihr damals nicht bewusst, was es bedeuten würde, wenn sie nun allein in ihrem Badezimmer hocken und auf ein Ergebnis warten würde, von dem sie wünscht, es niemals erfahren zu müssen. Erst in dieser Situation wird ihr wirklich bewusst, dass sie sich nicht nur nach einem Baby sehnt, sondern auch nach einem Mann. Nach einem Mann, der auch über diesen Moment hinaus an ihrer Seite ist. Doch diesen Mann gibt es nicht, und vor allem der Vater würde niemals dieser Mann sein.

    Mit einer Hand trocknet sie die Tränen, die mittlerweile über ihre Wangen rinnen, während die andere den Test noch immer nicht loslassen will, das kleine Fenster stets sorgfältig verdeckt. Der schrille Ton des Kurzzeitweckers reißt sie aus ihren Überlegungen und sorgt dafür, dass ihr Herz noch härter gegen die Rippen hämmert. Nun gibt es kein zurück mehr, sie wird sich den Tatsachen stellen müssen, denn daran, dass es niemals eine Wahl gegen das Baby geben würde, existiert nicht der kleinste Zweifel. Kurz schließt sie die Augen und atmet tief durch, um Kraft für das unweigerlich folgende zu sammeln, auch wenn es ihr den Boden unter den Füßen wegziehen würde. So oder so wäre jedes mögliche Ergebnis auf der einen Seite ein Schock, während es auf der anderen Seite entweder eine Erleichterung oder ein unbeschreibliches Glücksgefühl bedeuten würde. Aber egal wie ihr Leben damit weitergehen würde, muss sie Klarheit haben, um endlich diese nagenden Zweifel abschütteln zu können. Mit der Sünde würde sie leben können, würde mit ihr leben müssen, alles andere steht auf diesem kleinen Gegenstand geschrieben.
    In dem Moment, als sie beinahe ängstlich gegen die Helligkeit anblinzelt und versucht, die Antwort auf die wichtigste ihrer Fragen zu erkennen, schreckt sie unerwartet der schrille Ton ihrer Türklingel auf...


    ENDE​
     
  7. *PiperHalliwell

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    [NCIS] Lost in Purgatory

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    Lost in Purgatory



    „You wanna know what he said about you?“
    „Mhhh?“
    „That you tried to sleep with him while you were in Paraguay.“
    „I will kill him.“​


    Peccatum mortiferum - den lateinischen Begriff hast du noch immer verinnerlicht, als hörtest du diesen erst gestern. Jahrelang wurde dir die Schwere der sogenannten sieben Hauptlaster förmlich eingebläut. Wurde dir eingebläut, dass diese unweigerlich eine Todsünde nach sich zogen. Stets hattest du dein Leben nach den Richtlinien des Katechismus geführt. Hattest diese niemals in Frage gestellt. In dieser Beziehung hatte die Zeit deiner katholischen Schulerziehung ihre Spuren hinterlassen. Und doch hattest du dagegen verstoßen. Hattest in vollem Bewusstsein, wider besseren Wissens, dagegen verstoßen. Genau in diesem Moment, bei diesen Worten, gesellt sich zu dem Vergehen der Wollust jedoch auch der aufkeimende Zorn in deinem Inneren. Ein Vergehen, das wohl keine einfache Beichte wieder wettmachen kann.
    Im ersten Augenblick versetzen dir die Worte, die seine Lippen verlassen, einen heftigen Stich. Doch nicht einmal eine Sekunde später wird dieser von einem vollkommen anderen Gefühl abgelöst. Zorn. Nicht nur auf ihn. Auch auf dich selbst. Die Frage, wie du tatsächlich so dumm sein konntest, drängt sich in deinem Kopf immer weiter nach vorn. Wie konntest du seinem Versprechen glauben? Konntest glauben, dass diese Nacht euer Geheimnis bleiben würde? Du kanntest ihn schließlich gut genug, um es besser zu wissen. Kanntest sein vorlautes Mundwerk. Seinen Hang zur Prahlerei. Zum Hochmut. Dabei ist es beinahe nebensächlich, dass er tatsächlich die Frechheit besaß zu behaupten, du wärst es gewesen, die ihn verführte. Es war ein großer Fehler. Nicht nur diese Nacht. Auch die Tatsache, Anthony DiNozzo Glauben zu schenken.

    **********​

    „Ist es nicht wie eine Fügung des Schicksals, dass der Flieger, der uns zurück nach D.C. bringen sollte, auf Grund des Wetters zurück gehalten wurde? Etwas besseres konnte uns wirklich nicht passieren.“ Du schütteltest schweigend den Kopf, denn diese Aussage war wieder einmal so typisch Tony. Niemand anderer als dein Partner konnte an einer Situation wie dieser etwas positives finden. Immerhin saßt ihr in Ciudad del Este fest. Besser gesagt mitten im Nirgendwo, was eine überaus treffende Beschreibung für diesen Ort war. Für dich erschien es eher wie Ironie, dass es die gleiche Kälte war, vor der ihr noch 48 Stunden zuvor hattet fliehen wollen, die euch nun in dieser Umgebung festhielt. Aber immerhin war dies eine ungleich angenehmere Alternative zu der Aussicht, eine endlos dauernde Zwischenlandung in einer hoffnungslos überfüllten Flughafenhalle in einem anderen, weitaus tristeren Nirgendwo zu verbringen.
    Du hattest versucht, den Abend auszukosten. Immerhin kamt ihr damit überraschend in den Genuss eines freien Tages fern ab des kalten, grauen Washingtons. Eine durchaus gerechtfertigte Entschädigung für die ungezählten Stunden, die du gemeinsam mit DiNozzo in einem wahrhaft eisgekühlten Dienstwagen fest gesessen hattest. Doch nicht nur die unerträgliche Hitze der Tropen machte dir mehr zu schaffen, als du erwartet hattest. Diese Augen. Sie hatten dich auch über den Abschluss dieses makaberen Falls hinaus verfolgt. Du hattest nur noch den Wunsch, sie endlich abzuschütteln. Aber vermutlich war es keine besonders gute Idee gewesen, diese mit einigen Drinks zu vertreiben, denn der Alkohol, verbunden mit der ungewohnten Hitze, schien, langsam deinen Verstand zu vernebeln.

    Für einen Moment schlossest du deine Augen. Konzentriertest dich lediglich auf diesen Moment weit ab der Arbeit. Fühltest das angenehm warme Gras unter deinen nackten Fußsohlen. Die drückende Enge eures Hotelzimmers hatte dich nach draußen getrieben. Denn um zu schlafen, warst du noch immer viel zu aufgewühlt. Aufgewühlt von diesem Fall. Vom Alkohol. Von der ungewohnten Nähe zu deinem Partner. Ein kurzer Spaziergang an der frischen Luft sollte dabei Abhilfe schaffen. Während jedoch in Meeresnähe nunmehr angenehme Temperaturen herrschen mussten, wollte an diesem Ende der Welt die Hitze noch immer nicht nachlassen. Aber du konntest dir schließlich nicht aussuchen, an welchem Ort du den ersten freien Tag seit Wochen oder Monaten genossest. Und auch nicht mit wem.
    Fünf Minuten. Nur fünf Minuten wolltest du für dich sein. Um durchatmen zu können. Um den Fall zu vergessen. Den Kopf frei zu bekommen. Du hattest gespürt, dass sich der Alkohol langsam aber sicher auf dein Gemüt gelegt hatte, sodass du förmlich vor der Nähe zu ihm geflohen warst. Die Nähe, die dir unwillkürlich unangenehm geworden war. Du kanntest ihn viel zu lange, konntest ihn viel zu gut durchschauen, um nicht zu wissen, welche Bilder sich in seinem Verstand abgespielt hatten. Doch nun durchquertest du kaum den kargen Garten eures heruntergekommenen Hotels, als ein Geräusch deine Aufmerksamkeit erregte. Er war noch nie so gut wie Gibbs gewesen. Egal wie sehr er sich bemüht hatte. Du hattest seine Anwesenheit stets gespürt. So wie auch an diesem Abend.
    Deinen zornigen Blick beantwortete er lediglich mit seinem gewohnten Grinsen. So blieb dir nichts anderes übrig, als dich seufzend abzuwenden und seine Schritte hinter dir zu akzeptieren. „Wer weiß welche Gestalten hier in der Nacht lauern, Katie“, hatte er heute Morgen spekuliert. Dein Augenrollen, das sein Schmunzeln quittierte, konnte er nicht sehen. Auch wenn er es mit Sicherheit wusste. Dennoch folgte er dir unbeirrt, die Tatsache ignorierend, dass du sehr gut auf dich allein aufpassen konntest. Dafür gefiel ihm die Rolle des Beschützers eines ach so hilflosen weiblichen Wesens viel zu sehr. Mittlerweile wurdest du das Gefühl nicht los, dass es seine Gesellschaft war, die dich davon abhielt, dich zu entspannen. Daran hinderte dich schon die Aussicht auf die kommende Nacht. Allein mit Anthony DiNozzo in einem Hotelzimmer. In einem Doppelbett.

    Mit einem erneuten Seufzen atmetest du tief die schwüle Luft ein. Lauschtest dem leisen Rascheln der Palmenblätter im sanften Wind, das beinahe ein wenig an das Rauschen der Wellen erinnerte. Würdest du die Augen schließen, könnte sich die Umgebung mit Sicherheit in eine einsame Karibikinsel verwandeln. Eine Insel ohne DiNozzo verstand sich. Aber du wusstest es natürlich besser, sodass du mit einem Kopfschütteln diese Gedanken vertriebst. Stattdessen verharrtest du endlich in deiner Bewegung und wandest dich ihm zu, der noch immer auf eine Erwiderung deinerseits wartete. Im Grunde musstest du ihm Recht geben. Es hätte euch wirklich schlimmer treffen können. Eine Tatsache, die du niemals laut aussprechen würdest. Vermutlich würdest du dann die wenigen verbleibenden Stunden eures Aufenthaltes keine Sekunde Ruhe haben.
    „Abgesehen von einem eigenen Zimmer. Oder wenigstens einem eigenen Bett.“ „Keine Angst, Katie. Ich werde dich schon nicht beißen.“ Diese Aussage, die nur schwer über seine Lippen kam, ließ dich unwillkürlich kichern, obwohl der anzügliche Unterton für dich nicht zu überhören war. Aber scheinbar entfaltete der Alkohol nunmehr seine volle Wirkung. „Du bist ja betrunken, DiNozzo.“ „Nein.“ Seine Antwort kam mit voller Überzeugung, bevor er für einen Moment in nachdenkliches Schweigen verfiel. Mit einem gleichgültigen Schulterzucken ließ er dich erahnen, dass Ausschweifungen wie diese keinen Seltenheitswert für ihn besaßen. „Vielleicht ein wenig. Aber ich hatte nicht annähernd so viele Vodka-Martinis wie du.“
    Du wusstest, dass er damit zweifellos Recht hatte. Es war ein Fehler gewesen, sich derart gehen zu lassen. Der andauernden Präsens eurer Arbeit und eures letzten Falls krampfhaft entfliehen zu wollen. Ein Fehler, den du vermutlich noch bereuen würdest. Die Kombination aus Alkohol, drückender Schwüle und einem Doppelbett mit deinem Frauen verschlingenden Kollegen konnte nur böse enden. Wenn du ehrlich zu dir wärst, müsstest du zugeben, dass genau dieser Kollege wirklich gut aussehend war. Immerhin warst du nicht blind. Er wusste um seine Wirkung auf das andere Geschlecht. Eine Tatsache, die du stets missbilligt hattest. Doch bereits diese Gedankengänge waren vollkommen unangebracht. Deshalb verbotest du dir diese Überlegungen. Du würdest seinem Charme widerstehen. Und du würdest ihm widerstehen.

    Mit einem leisen Seufzen wandest du dich ihm erneut zu, nur um vor seiner unerwarteten Nähe zurück zu weichen. Du hattest nicht bemerkt, dass er an dich heran getreten war. Aber diese Tatsache ließ dich unwillkürlich erstarren. Hatte sich doch auch etwas in seinem Blick verändert. Du konntest es nicht genau erklären. Das selbstsichere Grinsen war aus seinem Gesicht gewichen, während in seinen Augen ein Funkeln lag, das einen eisigen Schauer über deinen Rücken rinnen ließ. Wenn du ehrlich warst, war dir dieses Gefühl nicht unangenehm. Dennoch versuchte dein Verstand erneut, dich vor ihm zu warnen. Im Grunde hättest du es besser wissen müssen. Hättest wissen müssen, dass er nicht im Stande sein würde, sich zurückzuhalten.
    Es war beinahe, als könntest du das Unheil nahen sehen. Ohne in der Lage zu sein, dieses zu verhindern. Die unvermeidliche Leichtigkeit eines lang ersehnten freien Tages kombiniert mit Alkohol und tropischer Hitze, die dich früher oder später die Kontrolle über dich selbst und dein Handeln kosten würden. Doch in diesem Moment spürtest du bereits seinen Atem auf der Haut. Und das Gefühl, das dieser bei dir auslöste, war nicht zu beschreiben. Brachte dich dazu, nicht länger Herr über deinen Körper zu sein. Dich nicht mehr bewegen zu können. Kein Wort mehr über deine Lippen zu bringen. Du hattest dir vorgenommen, ihm zu widerstehen. Der verbotenen Frucht zu widerstehen. Aber dafür war es zu spät. Dein Verstand hatte sich ausgeschaltet.

    Das Kribbeln in deinem Inneren ließ dich hart schlucken. Es war dir vollkommen klar, worauf dies hinauslaufen würde. Dennoch konntest du es nicht verhindern. Wolltest es wahrscheinlich auch nicht. Denn dafür sehntest du dich viel zu sehr nach seiner Berührung. Dein Partner wusste ganz genau, was eine Frau wollte. Auch wenn es für gewöhnlich nicht zu deiner Vorstellung passte, war es doch genau das, was du in diesem Moment brauchtest. Was du in diesem Moment wolltest. Allein seine Blicke hatten bereits eine ungekannte Sehnsucht in dir erweckt, die nun gestillt werden wollte. Noch bevor es deinem Kopf gelang, diesen Gedanken zu Ende zu führen, spürtest du seine Lippen fordernd auf den deinen. Spürtest seine Hände, ohne zu zögern, über deinen Körper wandern.
    Doch so plötzlich, wie seine Liebkosungen begonnen hatten, unterbrach er diese wieder. Löste sich von dir und grinste dich auf deinen verwirrten Blick hin vielsagend an. Im gleichen Augenblick nahm er deine Hand, zog dich wortlos hinter sich her. „Verdammt, was hast du vor?“ Deine Stimme war weniger aufgebracht als neugierig. Aber natürlich tat er dir nicht den Gefallen, deine atemlose Frage zu beantworten. Lief stattdessen zielstrebig weiter und ließ dich im Ungewissen. „Das wirst du schon sehen, Katie.“ Dies war wieder so ein Punkt, der euch beide unterschied. Im Grunde trieb dich nichts in euer schäbiges Hotelzimmer zurück. Doch die Tatsache, nicht zu wissen, wohin er dich führte, hinderte dich daran, gelassen zu bleiben.

    Wie stark dir der Alkohol zu Kopf gestiegen war, musstest du feststellen, als du versuchtest, dich zu orientieren. Ein guter Bundesagent sollte immerhin stets wissen, wo er sich befand. Egal in welcher Situation. Doch der Privatbereich eines kleinen Bungalows sollte mit Sicherheit nicht zu diesen Orten gehören. Wenigstens befandet ihr euch noch auf dem Hotelgelände. Diese Erleichterung löste sich jedoch umgehend in Luft auf, als dein Partner einen silbern glänzenden Gegenstand aus seiner Hosentasche zog. „Bleib hier! Nicht weglaufen!“ Schon war er hinter der Tür verschwunden. Während du dich unbehaglich umsahst, fragtest du dich, ob er tatsächlich den Schlüssel geklaut hatte. Aber im Grunde war diese Frage wohl überflüssig.
    Wenn er es zuvor nicht bereits geschafft hatte, deine Gedanken von eurem heiklen Fall abzulenken, war ihm dies nun definitiv gelungen. Ein winziger Teil in dir, jener vernünftige Teil, den der Alkohol nicht verstummen lassen konnte, wollte dich dazu bringen zu gehen. Es zu beenden, bevor es endgültig zu spät war. Doch seine Hand, die erneut die deine nahm, ließ dich diese leise Stimme verdrängen. Wurde schließlich von ihm übertönt. „Komm schon, Katie! Hör auf, dir Sorgen zu machen, und genieße den Abend!“ Er hatte diese Worte noch nicht ausgesprochen, als seine Kleidung bereits am Boden lag. Du blicktest ihn tatsächlich sprachlos an. Wie er in Boxershorts vor dir stand.
    Vermutlich waren es die Umgebung weit ab der Heimat und der nicht niedrige Alkoholpegel in deinem Blut, die dir die Entscheidung erleichterten, so dass du dich deines Oberteils und deiner Hose entledigtest und dich zu ihm in das knietiefe Nass des winzigen Whirlpools begabst, das angenehm auf deiner Haut prickelte. Nur ein Blick in seine Augen genügte, um dich den letzten Zweifel vergessen zu lassen. Dich das kurze Zögern vergessen zu lassen. Und spätestens die Berührung seiner Lippen auf den deinen, die sich in einen leidenschaftlichen Kuss verwandelte, verdrängte die Realität. Plötzlich existierten nur noch er und du. In eurem kleinen Paradies. Mitten im Nirgendwo. Alles andere war unwichtig. Washington. Die Arbeit. Und Gibbs.
    Die Liebkosungen, die seine ruhelosen Hände auf deinem Körper verursachten, lösten unbeschreibliche Empfindungen auf deiner erhitzten Haut aus. Brachten dich dazu, dich ihm hinzugeben. Seiner Zunge Einlass zu gewähren, den diese ungestüm verlangte. Der Zeitpunkt, dich gegen ihn zu wehren, war längst überschritten. War vermutlich in dem Moment vergangen, als er dir nach draußen gefolgt war. Doch es war dir egal. Du wolltest nicht länger vernünftig sein. Wolltest einmal in deinem Leben alle Konventionen vergessen. Wolltest spüren, wie es war zu begehren. Und begehrt zu werden. Er ließ seinen Blick verlangend über deinen Körper wandern. Einen Blick, dessen brennende Leidenschaft du förmlich spüren konntest. „Ich hätte nicht gedacht, dass du derart heiße Dessous zur Arbeit trägst, Katie.“

    Sekundenlang verharrtet ihr in diesem Moment. Das aufgeregte Hämmern deines Herzens dröhnte in deinen Ohren. Dein unregelmäßiger Atem verwandelte sich in ein lautes Rauschen. Doch während diese sich nahezu von allein normalisierten, wollte es dir kaum gelingen, deine Empfindungen wieder unter Kontrolle zu bringen. Du hattest immer gedacht, ihm widerstehen zu können. Egal wie charmant, wie umwerfend er auch gewesen war. Doch dieser Glaube war nicht nur ein Fehler sondern nahezu anmaßend gewesen. Was machte dich besser als jede andere Frau, die ihm verfallen war? Euer Schweigen hallte unangenehm von den Wänden des Bungalows wider, während sich deine Gedanken förmlich überschlugen. Während du versuchtest zu begreifen, was dieses Verlangen in deinem Inneren ausgelöst hatte. Jenes Verlangen, das unerbittlich hatte gestillt werden wollen.
    Die Stimme deines Gewissens übertönte mittlerweile jedes andere Geräusch. Brachte dich dazu, hastig deine Sachen über zu streifen. Alles, nur nicht DiNozzo in die Augen blicken müssen. Nicht sein anzügliches Grinsen ertragen müssen. Hättest du es getan, hättest du erkannt, dass dieses aus seinem Gesicht verschwunden war. Doch dein Gewissen trieb dich an. Vermutlich reagiertest du ein wenig kopflos, doch du wusstest, dass du diesen Ort schnellstmöglich hinter dir lassen musstest. Diesen Vorfall schnellstmöglich hinter dir lassen musstest. Du musstest nicht definieren, musstest nicht in Worte fassen, was in den vergangenen Minuten zwischen euch geschehen war. Du wusstest es gut. Viel zu gut. „Wenn du auch nur einer Menschenseele von dieser Nacht erzählst, schwöre ich dir, werde ich dich erschießen, DiNozzo.“


    **********​

    Todsünde hin oder her. In dem Moment als du aus deinen Erinnerungen auftauchst, sind die Konsequenzen nebensächlich. „Ich werde ihn umbringen.“ Für dich wiegt sein Verrat an dir schwerer als deiner an deinem Glauben. Er brach sein Versprechen. Sein Versprechen, von dem du glaubtest, er meinte es ernst. Du bist noch nicht bereit, deinen Zorn verrauchen zu lassen. Diesen der Enttäuschung Platz machen zu lassen. Dafür war sein Vertrauensbruch zu schwerwiegend. Hatte dich zu stark getroffen. Erneut wiederholst du stumm deinen Entschluss in deinen Gedanken, als du unvermittelt in die strahlend grünen Augen deines Partners blickst, der mit seinem typischen Grinsen auf den Lippen vor deinem Schreibtisch auftaucht...


    ENDE
     
  8. *PiperHalliwell

    *PiperHalliwell Member

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    [Grey's Anatomy] Forever and one Day

    [​IMG]



    Forever and one Day


    „Bitte rede mit mir, Alex!“
    Meine Stimme ist verzweifelt, beinahe flehend, doch mein Ehemann scheint, sie nicht wahrzunehmen, nicht wahrnehmen zu wollen.
    In sich zusammen gesunken, kauert er vor dem zerwühlten Bett, starrt regungslos vor sich hin.
    Seit Minuten stehe ich vor ihm, versuche verzweifelt, mit ihm zu sprechen, jedoch ohne auch nur den geringsten Erfolg zu haben.
    Noch immer verharrt er in der Position, in der ich ihn eine halbe Stunde zuvor fand, als ich unseren Wohnwagen betrat.

    Der schönste Tag meines Lebens, unseres Lebens ist erst wenige Wochen Vergangenheit.
    Wochen, die ich ununterbrochen im Krankenhaus verbrachte.
    Doch nun endlich bin ich zu Hause, kann wieder bei dem Mann sein, den ich über alles liebe.
    Nun ist die für mich schlimmste Zeit, die Zeit der Todesangst vorüber.
    Ich spüre wieder, dass ich noch nicht tot bin, spüre, dass am Ende vielleicht alles gut wird.
    Lange glaubte ich nicht mehr daran, aber jetzt lasse ich zum ersten Mal einen winzigen Funken Hoffnung zu.

    Dennoch hätte ich nicht erwartet, auf diese Art zum ersten Mal hierher zu kommen.
    Etwas in meinem Inneren wünschte sich einen anderen Empfang, wünschte sich einen Ausdruck des Willkommens.
    Aber die wenigen Minuten, die mich vom Krankenhaus an diesen Ort führten, legte ich allein mit einem Taxi zurück, anstatt von meinem Mann begleitet zu werden.
    Die Welle der Enttäuschung, die mich bei dieser Erkenntnis heute Morgen einholte, ist noch immer nicht völlig verebbt, hält mich auch weiterhin gefangen.

    Wenn ich mich nun jedoch in dem Wohnwagen umsehe, den Derek uns überließ, um uns ein wenig Zweisamkeit zu ermöglichen, kann ich meine widersprüchlichen Gefühle kaum kontrollieren.
    Die winzigen Räume, die eher spartanisch ausgestattet sind, offenbaren ein völliges Durcheinander, ein Durcheinander, das sogar für ihn ungewöhnlich ist.
    Im Grunde liebe ich ihn für sein Chaos, eine Tatsache, die ich vermutlich niemals eingestehen würde, die ich vor allem meinem Ehemann nicht eingestehen würde.

    Die Unordnung, die sich hier jedoch in jedem einzelnen Winkel ausgebreitet hat, will für mich überhaupt nicht zu ihm passen.
    Auf den Schränken der Küchenzeile stapeln sich Töpfe und Geschirr, von denen ich nicht wissen möchte, wie lange diese bereits dort stehen.
    Den Fußboden entlang weisen zerknitterte Kleidungsstücke eine deutliche Spur, die sich durch die gesamte Wohnung zieht.
    Sogar den kleinen Tisch sowie die beiden Stühlen daneben verdecken halb zerknüllte Papiere und Zeitungen.

    Mit einem leisen Seufzen unterdrücke ich den Impuls, ein wenig Ordnung in dieses Durcheinander bringen zu wollen, wende mich stattdessen erneut meinem Mann zu.
    Seine Miene ist zu einer versteinerten Maske erstarrt, lässt nicht die kleinste Gefühlsregung erahnen.
    Zögernd löse ich mich aus meiner passiven Position, trete langsam auf ihn zu.
    Neben ihm lasse ich mich in die Hocke sinken, während er meine Nähe nicht einmal zu realisieren scheint.
    Vorsichtig strecke ich meine Hand nach ihm aus, möchte sanft über seinen Arm streichen, nur um sie schließlich wieder sinken zu lassen.

    „Es tut mir leid, Alex.“
    Meine gedämpfte Stimme vermag nur leidlich das Zittern zu verbergen, das diese Worte begleitet.
    Die Angst, ihn nach dieser schlimmen Zeit am Ende vielleicht noch zu verlieren, hat sich in meinem Inneren festgesetzt, lässt sich nicht wieder vertreiben.
    Nur mit Mühe kämpfe ich mittlerweile gegen meine Gefühle, versuche, meine Tränen zurück zu halten, die mir sein verbissenes Schweigen in die Augen treibt.
    Aber auch weiterhin macht er keine Anstalten, mir zu antworten oder sich mir auch nur zuzuwenden.

    Während die Hilflosigkeit immer stärker von mir Besitz ergreift, beginne ich schließlich, einfach weiter zu sprechen, in der Hoffnung, ihn zu erreichen.
    „Ich war undankbar und egoistisch. Du warst die ganze Zeit für mich da. Bist mir nicht von der Seite gewichen. Und ich habe dich angeschrien.
    Ich wollte dich nicht verletzen. Aber es war alles zu viel für mich. Deine Fürsorge. Meine Angst. Es tut mir so leid.“
    Nun kann ich nichts mehr dagegen tun, dass sich die ersten Tränen lösen und meine Wangen hinab rinnen, dass sich ein leises Schluchzen aus meiner Kehle löst.

    Mittlerweile erscheint mir unser Streit so sinnlos, verdeutlicht mir meine Krankheit doch nunmehr, dass wir nur unnötig Zeit verschwenden, kostbare Zeit.
    Bisher war er stets derjenige, der sich zurückzog, wenn ihm ein Mensch zu nahe kam, doch dieses Mal war ich es, die ihn von sich stieß.
    Meine Angst war so groß, dass sie mich nicht länger vernünftig denken, vernünftig handeln ließ.
    Meine Angst vor dem Tod war zu übermächtig.
    So sehr er auch versuchte, mir beizustehen, glaubte ich doch, es im Grunde allein schaffen zu müssen.

    Aber nun, nachdem ich die wochenlangen Qualen überstand, ist mir eines nur noch klarer geworden.
    Er ist die Liebe meines Lebens, die ich niemals verlieren will.
    Lediglich durch ihn hatte ich die Kraft zu kämpfen, denn er gab mir den Halt, den ich in dieser schweren Zeit so dringend brauchte.
    Und ich habe den Wunsch, dieses Gefühl in Worte zu fassen, ihm zu vermitteln, wie wichtig er für mich ist.
    Auch wenn ich es vermutlich niemals wirklich ausdrücken kann, muss ich es dennoch versuchen.
    „Ich liebe dich, Alex. Ich liebe dich mehr als alles andere.“

    Während ich jedoch wenigstens ein kleines Lächeln erwartet habe, antwortet er lediglich, indem er sich aus seiner Starre erhebt, um nun unbeweglich in dem kleinen Raum zu verharren.
    Verwirrt wandert meine Augenbraue nach oben, setze ich an, etwas hinzu zu fügen, als er mich einfach stehen lässt, sich abwendet und durch die Tür tritt.
    Eilig folge ich ihm, will ihn dazu bringen, mit mir zu sprechen, bevor mich eine heftige Handbewegung seinerseits, die all unsere Sachen von der Kommode schleudert, abrupt inne halten lässt.

    Doch nur Sekunden später wird mein Blick, der noch immer ungläubig über die verstreuten Bücher und CDs wandert, von ihm angezogen.
    Mittlerweile scheint er, sich in einen Ausbruch der Wut hinein zu steigern, anders ist sein Verhalten wohl kaum zu beschreiben.
    Unfähig, mich nur zu bewegen, geschweige denn, ihn aufzuhalten, sehe ich tatenlos dabei zu, wie er den gesamten Wohnwagen förmlich verwüstet.
    Ein Apfel, der über den Boden rollt, vermischt sich mit den Scherben des Geschirrs und den Resten einer zerbrochenen Bierflasche.

    Ich möchte ihn anschreien, will ihn dazu bewegen, mich wahrzunehmen, doch seine Erscheinung lässt jedes Wort in meiner Kehle ersticken.
    Sein ausgezehrt erscheinender Körper sinkt förmlich gegen den Türrahmen, an den er erschöpft seinen Kopf lehnt.
    Mittlerweile brechen seine Gefühle aus ihm heraus, glaube ich, ein leichtes Zittern seiner Schultern zu realisieren, während kein einziger Ton seine Lippen verlässt.
    Bisher war dieser Mann immer stark, sah ich ihn doch nur ein einziges Mal weinen, doch nunmehr scheint er vollkommen kraftlos zu sein.

    Jetzt möchte ich für ihn der Fels in der Brandung sein, möchte ihm den Halt, die Kraft geben, die ich in den vergangenen Wochen suchte und bei ihm fand.
    Die Schritte, die mich zu ihm führen sollen, halten unwillkürlich inne, als er sich aus seiner Trance reißt.
    Regungslos beobachte ich, wie seine Hand nach unserem Hochzeitsfoto greift, bevor er es beinahe wehmütig betrachtet, während eine seiner Tränen darauf hinab fällt.
    Doch in dem gleichen Atemzug versteinert seine Miene erneut, ballen sich seine Finger zur Faust, bevor der Bilderrahmen mit Schwung an der Wand zerschellt.

    Die Glasscherben sind kaum zu Boden gefallen, als er sich bereits abwendet, um förmlich aus dem Wohnwagen zu fliehen.
    Für einen Moment brodelt der Zorn in meinem Inneren nach oben, bin ich versucht, ihn ziehen zu lassen, bevor ich ihm seufzend nach draußen folge.
    Ich bemerke den durch seinen Fußtritt umgestoßenen Mülleimer nicht, der unzählige noch immer gefüllte Pizzakartons auf der Wiese verteilt.
    Eilig folge ich meinem Mann, der in seinem Gefühlsrausch den Weg entlang läuft, habe Mühe, mit ihm Schritt zu halten.

    „Alex, warte! Bleib stehen, verdammt!“
    So laut meine Stimme auch über die Weite schallt, bringt sie ihn nicht dazu, seine Schritte zu verlangsamen.
    Stattdessen strebt er entschlossen die kleine Straße an, ohne auch nur seinen Blick zu heben und das Auto zu bemerken, das hier außerhalb der Stadt ein rasantes Tempo fährt.
    Ich schnappe panisch nach Luft, während mein Herz heftig in meiner Brust schlägt, meine Kehle wie zugeschnürt erscheint.
    Mein gellender Schrei hallt in den Bäumen wider, um schließlich ungehört zu verklingen.
    „Alex, pass auf!“

    Die quietschenden Reifen klingen dröhnend in meinen Ohren, während mich meine Füße mechanisch zu ihm tragen.
    Neben dem leblosen Körper meines Mannes sinke ich auf die Knie, streiche mit zitternden Fingern über seine Wange.
    Die rote Flüssigkeit, die seine Haut benetzt, nehme ich kaum wahr, starre lediglich in seine Augen, die mich zum ersten Mal an diesem Tag zu realisieren scheinen.
    Ein leichtes Lächeln legt sich auf seine Lippen, während er meinen Blick förmlich gefangen nimmt.

    „Bitte tu mir das nicht an! Du musst kämpfen.“
    Auch diesmal reagiert er nicht auf meine Worte, sieht mich nur stumm an, einen Ausdruck der Zufriedenheit, der inneren Ruhe auf dem Gesicht.
    Eine unangenehme Gänsehaut rinnt über meinen Rücken, als ich begreife, was sein Verhalten bedeutet.
    Meine Hand fasst unwillkürlich nach der seinen, hält sie umklammert, um ihn so bei mir zu halten, auch wenn ich im Grunde weiß, dass ich nichts tun kann.
    „Ich liebe dich, Izzie. Nichts wird uns jemals trennen können.“

    Das stumme Schluchzen, das meine Kehle verlässt, hält den Schrei der Verzweiflung zurück.
    Mein Herz zerspringt bei diesem Anblick in meiner Brust in unzählige Stücke, lässt lediglich einen Scherbenhaufen zurück.
    Doch ich kann nichts gegen die Hilflosigkeit tun, die mich in diesem Moment übermannt.
    Und so verharre ich an diesem Ort, halte die Hand meines Mannes, um ihm Kraft zu geben, erwidere den Blick aus seinen stumpfen Augen, sehe, wie das Leben daraus entweicht, bevor sie sich mit seinem letzten Atemzug endgültig schließen.

    **********​
    Die Tür des verlassenen Wohnwagens steht noch immer offen, doch nicht einmal ein ungebetener Besucher hat sich an diesen Ort verirrt.
    Die beinahe friedliche Stille, die sich über diesem abgeschiedenen Teil der Stadt ausgebreitet hat, ist jedoch trügerisch.
    Ein genauer Blick in das Innere offenbart das Chaos, das seit Wochen in den winzigen Räumen zu herrschen scheint.
    Einzig ein kleiner Zeitungsausschnitt, wenige Worte, zurück gelassen auf dem Boden vor dem Bett, will nicht an diesen Platz gehören.



    Isobel Catherine Stevens
    * 11. September 1971 † 14. Mai 2009

    Der Tod kann mich von dem Menschen trennen,
    Der zu mir gehörte,
    Aber er kann mir nicht das nehmen,
    Was mich mit ihm verbindet.

    In tiefer Trauer und ewiger Liebe nehme ich Abschied von meiner geliebten Ehefrau,
    die der Tod viel zu früh aus unserem gemeinsamen Leben riss.
    Alexander Michael Karev
    sowie Kollegen, Freunde und Familie des Seattle Grace Hospital



    ENDE
     
  9. *PiperHalliwell

    *PiperHalliwell Member

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    [NCIS] Cinderella Story

    [​IMG]



    Cinderella Story


    „Mach dir nicht immer so viele Sorgen um die Konsequenzen, Kate!“ Die leere Wimperntusche landet mit Schwung im Mülleimer, während das Gesicht meiner besten Freundin ein gespielt entsetzter Ausdruck ziert, ein Ausdruck, den ich nur zu gut kenne, der im Grunde unsere Freundschaft begleitet. Wir beide sind - obwohl wir seit unserer Zeit im Kindergarten nahezu unzertrennlich sind - so verschieden, wie es zwei Menschen wohl nur sein können. Nicht nur unser Aussehen hebt uns voneinander ab - ist sie doch der Inbegriff einer rassigen südländischen Schönheit, während ein Blick in den Spiegel mir eine süße aber eher graue Maus offenbart. Auch unser beider Wesen sind so gegensätzlich, dass man es kaum in Worte zu fassen vermag - macht ihr Temperament ihrer brasilianischen Herkunft alle Ehre, während mich ihre spontanen Einfälle nur zu oft viel Überredungskunst wie auch Überwindung kosten.
    Genau eine dieser Ideen hat mich nun an diesen Ort geführt, an dem mich einmal mehr meine Zweifel und mein schlechtes Gewissen plagen. Ich weiß, dass wir - wie so oft - gegen die Regeln unserer, oder zumindest meiner Eltern - und dieses Mal auch gegen jene eines exklusiven Internats im Herzen Manhattans - verstoßen. Unser Übermut war einer der Gründe, warum Camille nun diese teure Schule - weit ab von mir, unseren Freunden und ihrem Zuhause - besucht. Ihre Eskapaden waren für unsere katholische Mädchenschule nicht länger tragbar, sodass sie diese umgehend zu verlassen hatte. Nur durch eine Lüge von ihr wurde ich von einer Bestrafung verschont, die mein Gewissen jedoch nicht erleichterte - der wiederholten Versicherung ihrer Begeisterung, diesen tristen Ort verlassen zu können, zum Trotz. Ich weiß, dass sie mich vermisst, unsere Freundschaft vermisst - ungeachtet ihrer mühelosen Eingewöhnung - auch wenn sie diese Tatsache niemals zugeben würde.

    „Manchmal frage ich mich wirklich, warum ausgerechnet wir beide befreundet sind“, erkläre ich daraufhin seufzend, während Camille sich ungerührt ihrem Make-Up widmet. Mein Blick wandert über ihren schlanken Körper, der von einer vermutlich sündhaft teuren Abendrobe verhüllt wird, das ihre weiblichen Reize noch stärker zur Geltung bringt und an diesem Abend mit Sicherheit alle Männer ihr in Scharen erliegen lässt. Währenddessen wirkt meine zierliche Erscheinung in dem Kleid, das mehr offenbart, als mir eigentlich lieb ist, eher zerbrechlich als aufreizend, was diese Garderobe im Grunde erreichen soll. Es ist ein für mich mehr als ungewohntes Gefühl, mich in diesem langen Rock zu bewegen, der bei jeder Bewegung ein leises Rascheln des seidenen Stoffs ertönen lässt. Meine streng konservative Schuluniform, die ich für gewöhnlich zu tragen habe, lässt nicht einmal die Form eines Körpers erahnen, sodass ich diese Abwechslung als überraschend angenehm empfinde.
    Doch während sich meine Eltern weder dieses exklusive Internat geschweige denn solch teure Designerkleidung leisten können - und selbst wenn, sie es wohl kaum in Erwägung ziehen würden, ihrer sechzehnjährigen Tochter diesen Lebensstil zu finanzieren - scheint es für die meiner Freundin vollkommen normal. „Da bist du mit Sicherheit nicht die Einzige. Glaub mir!“, antwortet sie mit einem frechen Grinsen auf den mittlerweile dunkelrot geschminkten Lippen, was auch mir ein leichtes Schmunzeln entlockt. „Los, lass uns gehen, bevor unser Hausdrachen seine nächste Runde macht! Wir wollen doch den Schwarm aller Mädchen nicht warten lassen.“ Während ihre beinahe schwarzen Augen bei diesen Worten beginnen zu funkeln, bringen sie mich lediglich dazu, die meinen zu verdrehen. Ihre Erzählungen über diesen eingebildeten Macho - Sohn einer reichen Familie aus Long Island - erweckten auf mich nicht den Eindruck, ihn unbedingt kennen lernen zu müssen, aber natürlich spreche ich diesen Gedanken nicht aus, sondern lasse Camille wie immer ihren Spaß.

    **********​

    Als wir aus einem der gelben New Yorker Taxis steigen und ich wenig später hinter Camille das Foyer des berühmten Waldorf Astoria betrete, halte ich unwillkürlich die Luft an, so beeindruckend ist dieser Anblick. Meine Freundin, die seit einigen Monaten in dieser Stadt lebt, durchquert indes den riesigen Raum ungerührt, während ich mich immer mehr vollkommen fehl am Platz fühle, habe ich doch bisher meine kleine Heimatstadt im Süden Indianas noch nie verlassen, um die große weite Welt kennen zu lernen. Wenn mir aber bereits das Entree des luxuriösen Hotels die Sprache verschlagen hat, raubt mir kurz darauf die Dekoration des Ballsaals, in dem sich bereits die High Society der Stadt zu tummeln scheint, förmlich den Atem. Während ich jedoch noch meinen Blick fasziniert durch die Menge schweifen lasse, ist Camille bereits in ein Gespräch mit einem jungen Mann vertieft, sodass lediglich ihr helles Lachen zu mir herüber klingt. Noch bevor ich reagieren kann, gibt sie mir mit einem stummen Wink zu verstehen, dass sie ihrer gut aussehenden Bekanntschaft auf die Tanzfläche folgt.
    Allein lässt mich die fremde Umgebung nur noch unsicherer werden, sodass ich über den Schutz der Maske, die zum Anlass dieses Balls mein Gesicht verdeckt, mehr als erleichtert bin, vermittelt sie mir doch in diesem Moment das Gefühl, mich ein wenig verstecken zu können. Nach einem tiefen Durchatmen schlendere ich langsam durch den Saal, lasse meinen Blick über die unzähligen Menschen schweifen, die ihre Gesichter wie ich hinter reich verzierten kleinen Kunstwerken verborgen haben - froh darüber, dass niemand von ihnen mir Beachtung schenkt. Für einen Moment verliere ich mich in der Beobachtung der jungen Mädchen in ihren adretten Uniformen, die mit exotischen Speisen üppig beladene Platten aus der Küche tragen und auf den vielen Tischen arrangieren. Doch schließlich setze ich meinen Weg fort, um nicht den Eindruck zu erwecken, im Grunde überhaupt nicht hierher zu gehören, wende mich nach links, nur um unsanft mit einer fremden Person zusammen zu stoßen.
    Der Wunsch nach einem Loch, in dem ich mich verkriechen könnte, wird immer übermächtiger, als ich zögernd aufblicke und die Gestalt eines jungen Mannes realisiere. Entgegen meiner Befürchtung streckt dieser mir jedoch zuvorkommend seine Hand entgegen, während seine weiche Stimme an mein Ohr dringt: „Bitte entschuldige! Ich habe nicht aufgepasst.“ Diese unerwartete Äußerung lässt mich überrascht seinen Blick suchen, der mich unwillkürlich gefangen nimmt, jegliche Bewegung unmöglich macht. Ohne meine Reaktion abzuwarten, zieht er mich vorsichtig auf die in unbequeme High Heels gehüllten Füße, während ich ihn weiterhin förmlich anstarre, nicht einmal wahrnehme, dass einige Köpfe sich bereits neugierig zu uns umgewandt haben. „Danke.“ Mein Flüstern ist nicht mehr als ein sanfter Windhauch, das ihm jedoch ein Lächeln entlockt, ein Lächeln, das mich nur mit Mühe nicht erneut den Boden unter den Füßen verlieren lässt.

    Hör auf mit diesem Unsinn, Caitlin! Glaubst du wirklich, jemand wie er würde sich für dich interessieren? Sieh dir doch nur seinen Anzug an! Dagegen bist du nichts weiter als ein kleines Aschenputtel. Männer wie er verlieben sich nicht in Mädchen wie dich. Und wenn du noch so fest an die wahre Liebe, an die Liebe auf den ersten Blick glaubst. Sei nicht so naiv zu denken, ein Märchen wie dieses könnte tatsächlich Realität werden! Er will nur höflich sein. Aber sobald ihm die nächste Blondine über den Weg läuft, hat er dich vergessen.

    „Ist alles in Ordnung mit dir? Hast du dich verletzt?“ Ein nachdrückliches Kopfschütteln vertreibt nicht nur meine wirren Gedanken sondern auch den besorgten Ausdruck aus seinen Augen, sodass ich mich abrupt von ihm löse und eilig in der Menge verschwinde. Diesen kurzen Tagtraum, dem ich gewillt war, mich hinzugeben, sollte ich so schnell wie möglich vergessen, immerhin kenne ich diesen jungen Mann nicht einmal. Ich bin eben nicht Camille, die ihn mit ihrem strahlenden Lächeln, mit ihrem frechen Augenaufschlag wohl mühelos um den Finger gewickelt hätte - ich bin nur Kate, die unscheinbare Kate. In diesem Moment fühle ich mich inmitten dieser fremden Menschen noch verlorener als zuvor, aber so angestrengt ich meinen Blick auch über die Tanzenden schweifen lasse, kann ich meine Freundin nirgendwo entdecken. Erneut bereue ich die Tatsache, mich von ihr zu diesem Abend überreden lassen zu haben, denn auch wenn ihre Gesellschaft zumeist Spaß verspricht, lässt sie sich nur zu gern von gut aussehenden Männern ablenken.
    Mit einem leisen Seufzen auf den Lippen wende ich mich dem üppigen Buffet zu, um mir wenigstens ein Glas zu nehmen, an dem ich mich festhalten kann, denn einen Bissen würde ich ohnehin nicht herunter bekommen. Die Kohlensäure des Champagners prickelt angenehm in meiner Kehle, obwohl ich mir gewöhnlich weder etwas aus Alkohol noch aus diesem teuren Getränk mache. Aber um diesen Abend irgendwie zu überstehen, greife ich zu jedem Mittel, das mir hoffentlich die Zeit ein wenig kürzer erscheinen lässt. Erschrocken halte ich jedoch inne, als jemand hinter mich tritt, mir das Glas aus der Hand nimmt und gleichzeitig einen ebenmäßigen Apfel entgegen hält. Beinahe automatisch greife ich nach der rot glänzenden Frucht, während ich mich langsam umdrehe, nur um unvermittelt meinem Kavalier gegenüber zu stehen, der mir erneut jenes unwiderstehliche Lächeln schenkt.

    Diese Augen. Diese unglaublich grünen Augen. Noch niemals ist mir ein Mensch mit derart faszinierenden Augen begegnet, in denen ich versinken möchte. Mich niemals wieder von ihnen abwenden möchte. Aber du musst vernünftig sein. Du musst ihm widerstehen. Seinem Charme widerstehen. Oder willst du eine weitere Eroberung auf der Liste eines Sohnes aus reichem Hause werden? Willst du einem Mann verfallen, dem nur er selbst wichtig ist? Nein. Aber vielleicht tue ich ihm Unrecht. Vielleicht ist er anders. Natürlich. Sie sind immer anders als die anderen. Das ist ja gerade ihre Masche.

    Trotz seiner Maske kann ich seine rechte Augenbraue abwartend nach oben wandern sehen, sodass meine Zweifel umgehend vergessen sind, bevor er erklärt: „Ein wunderschöner Apfel für eine wunderschöne Cinderella.“ Seine Worte lassen mich leise in mich hinein lachen, während ich meinem Kavalier schmunzelnd erkläre: „Der Apfel gehört aber zu Schneewittchen.“ Nun verzieht er seine Miene gespielt enttäuscht, verursacht mir beinahe ein schlechtes Gewissen für meine belehrende Antwort, als er schließlich erwidert: „Leider hast du mir keinen gläsernen Schuh hinterlassen.“ Ich bin für einen Moment versucht, an mir hinunter zu blicken, halte mich jedoch zurück, während ich ihn unsicher anlächle, nicht wissend, wie ich auf seinen offensichtlichen Flirt reagieren sollte, bin ich doch nicht so erfahren in diesen Dingen wie meine Freundin, sodass ich tief durchatme und versuche, mein klopfendes Herz zu beruhigen.
    „Verrätst du mir deinen Namen?“, bricht er nach einigen Sekunden das mir mittlerweile unangenehme Schweigen, woraufhin ich ihm stockend antworte: „Cait... Caitlin.“ Seine offene Art lässt mich zunehmend unsicherer werden, während er diese Tatsache jedoch überhaupt nicht wahrzunehmen scheint, sie zumindest ignoriert. „Darf ich dich Katie nennen?“ Diese Frage überrascht mich nun endgültig, hat mich bisher doch niemals jemand so angesprochen, aber es ist nicht so, dass es mir unangenehm wäre, sodass ich zustimmend nicke. Erneut schenkt er mir sein umwerfendes Lächeln, das meine Knie weich werden lässt, bevor er nun fragt: „Würdest du mir die Ehre eines Tanzes erweisen?“ Obwohl mein Verstand lautstark versucht, mich davon abzuhalten, ist es mir bei einem Blick in seine Augen vollkommen unmöglich, ihm diese Bitte abzuschlagen: „Gern.“ Als hätte er keine andere Reaktion erwartet, nimmt er wortlos meine Hand und zieht mich durch die Menschenmenge, deren maskierte Gesichter verschwommen an mir vorbeiziehen.

    Katie? Was ist das denn für ein Unsinn? Lass dich nicht von ihm einwickeln! Es ist mir egal. Es ist mir egal, ob ich ihn jemals wiedersehe. Wenn ich an die Liebe auf den ersten Blick glauben will, darf ich sie nicht ignorieren, muss mich ihr öffnen. Ich spüre, dass er es ernst meint. Und wenn es nur für diesen einen Abend ist. Lange genug habe ich anderen dabei zugesehen, wie sie sich verliebt haben. Nun möchte ich es nur einmal selbst fühlen.

    „Wo willst du hin?“ Meine atemlose Stimme klingt in meinen Ohren, veranlasst ihn jedoch weder dazu, mir zu antworten, noch seine Schritte zu verlangsamen. Normalerweise hätte mir dieses Verhalten vermutlich Angst gemacht, aber seine Gegenwart vermittelt mir eine Sicherheit, die ich nicht beschreiben kann. Wenig später, nachdem wir das Foyer des Hotels durchquert haben und der Aufzug uns einige Etagen nach oben gebracht hat, treten wir auf einen kleinen Balkon, der einen atemberaubenden Blick auf die unter uns liegende Stadt offenbart. „Wir sind da“, flüstert mein Begleiter mit einer einladenden Geste, sodass ich seiner stummen Aufforderung nachkomme, einen Moment die Aussicht zu genießen. „Du schuldest mir noch einen Tanz“, erinnert mich schließlich seine leise Stimme an mein Versprechen, was mich verwirrt meine Augenbrauen nach oben ziehen lässt, bevor ich mich prüfend umsehe. Doch die leisen Klänge der Musik, die die angenehm milde Luft der Frühsommernacht aus dem Ballsaal zu uns nach oben trägt, lässt mich sein Vorhaben durchschauen.
    Ein wenig überrascht von seinem unerwarteten Hang zur Romantik, wende ich mich zu ihm um, lasse zu, dass er erneut meine Hand nimmt und mich dann an seinen Körper zieht. Ich genieße seine Nähe, an diesem Ort, weit ab von dem Trubel der eigentlichen Veranstaltung, ohne jedoch genötigt zu sein, ihm auf sein Zimmer zu folgen. Dieser Balkon, zu dem uns der Flur einer der oberen Etagen geführt hat, ist für alle Gäste zugänglich und erscheint mir dennoch in diesem Moment vollkommen einsam. Unwillkürlich schließe ich meine Augen, lasse meinen Kopf an seine starke Schulter sinken, während ich mich seiner Führung überlasse, die mit der Musik zu verschmelzen scheint. „Glaubst du eigentlich an die Liebe auf den ersten Blick?“, reißt mich seine Stimme abrupt aus meinen Träumen, sodass ich ihn einmal mehr an diesem Abend verwirrt anblicke. Unweigerlich drängt sich mir die Frage auf, ob es ihm möglich ist, meine Gedanken zu lesen, ehe ich nach kurzen Zögern mit einem stummen Nicken antworte.
    „Was ist mit dir?“ Seine unglaublich grünen Augen mustern mich nunmehr völlig ernst, während ich schweigend seinen Bewegungen folge, mein Herz aufgeregt in meiner Brust hämmert. Nach einer gefühlten Ewigkeit erlöst er mich aus meiner Unruhe, als er mit einem sanften Lächeln erwidert: „Erst seit ich Cinderella begegnet bin.“ Einige Sekunden lang glaube ich, in einem Märchen meiner Kindheit gefangen zu sein, doch seine Miene vermittelt mir die Ernsthaftigkeit dieser Aussage. Beinahe als wolle er diese bekräftigen, zieht er mich noch näher zu sich, verschließt meine Lippen mit einem sanften Kuss, der mich die Realität vollkommen vergessen lässt. Doch so unverhofft, wie diese zärtliche Berührung begonnen hat, löst er sich wieder von mir, um entschuldigend zu erklären: „Es tut mir leid. Ich muss gehen.“ Abrupt wendet sich mein geheimnisvoller Kavalier zum Gehen, sodass ich ihm lediglich nachrufen kann: „Wie ist eigentlich dein Name?“ „Anthony. Aber du kannst mich Tony nennen.“

    Während ich noch immer dem jungen Mann nachsehe, der bereits seit Sekunden aus meinem Blickfels verschwunden ist, dringt Camilles Stimme an mein Ohr, übertönt von dem zwölften Schlag der nahe gelegenen Kirchturmuhr: „Kate, endlich. Ich habe dich überall gesucht. Was tust du überhaupt hier?“ „Hast du ihn gesehen? Er hat mich nach oben geführt. Und wir haben hier draußen getanzt“, erzähle ich ihr aufgeregt von meinem perfekten Abend. Meine beste Freundin blickt mich verständnislos an, aber ich weiß, dass dieser Abend kein Traum gewesen ist, kein Traum gewesen sein kann. Genauso wie ich weiß, dass ich ihn wiedersehen werde. Irgendwann. Denn die Liebe findet stets ihre Bestimmung.


    ENDE
     
  10. *PiperHalliwell

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    [Criminal Minds] Decisions and Consequences

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    Decisions and Consequences


    Entscheidungen. Im Leben müssen ständig Entscheidungen getroffen werden. In den Jahren unserer Kindheit sind wir uns dessen vielleicht noch nicht bewusst, aber jede unserer Handlungen setzt eine Entscheidung voraus. Die eine fällt uns schwerer, die andere leichter. Mit mancher von ihnen hadern wir ein Leben lang. Stets die Frage im Hinterkopf, ob wir richtig entschieden haben. Manchmal erkennen wir auch erst Jahre später die Konsequenzen, die diese nach sich zieht. Konsequenzen, die wir nicht bedacht haben.
    Wer weiß dies besser als ich? Tagtäglich muss ich Entscheidungen treffen, die den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten können. Doch ich muss sie treffen. Jede einzelne von ihnen. Auch jene, die einem Mörder die Aufforderung zum Töten gab. So deutlich mein Verstand auch weiß, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, so stark zweifelt mein Gefühl diese seit jenem Moment, in dem ich sie aussprach, an. Zu sehen, wie diese Entscheidung unschuldigen Menschen das Leben kostete, ließ mich an Dingen zweifeln, die mir sonst richtig erscheinen. Die richtig sind.

    Ich gab viel auf für diesen Job. Meine Ehe, meine Familie, beinahe mein ganzes Leben. Und doch bereute ich es niemals, diesen Weg gegangen zu sein. Dafür liebe ich meinen Beruf viel zu sehr, egal wie Kräfte zehrend, wie Nerven aufreibend er auch sein mag. Dennoch weiß ich nur zu gut, dass die menschliche Seele dieses Leid nicht auf Dauer verkraften kann, mit dem wir tagtäglich konfrontiert werden. Dass bereits zu viele Agents an diesem Leid, an den Qualen der ungezählten Opfer zerbrachen. Sie nicht länger ertragen konnten.
    Besonders unser letzter Fall hat mich wieder einmal dazu gebracht, mir die Frage zu stellen, wie lange mein Team diesem psychischen Druck noch Stand halten kann. Wann einer von ihnen der BAU den Rücken kehren wird. So wie es Gideon tat, nachdem er einmal zu oft in die Abgründe menschlicher Grausamkeit hatte blicken müssen. Doch auch wenn ich mich selbst bei diesem Gedankenspiel nur zu gern außen vor lasse, bin ich mir in meinem Inneren im Klaren, dass auch meine Seele nicht unverwundbar ist.

    Wie oft sah ich bereits in die Augen eines Mörders, der unzählige Menschen auf bestialische Art und Weise vergewaltigt, gequält und ermordet hatte? Niemals wandte ich meinen Blick ab, so sehr mein Inneres auch danach schrie. Man versucht, die Schicksale der Opfer auszublenden. Sich nicht von ihnen berühren zu lassen. Aber gelingen kann dieses Vorhaben fast nie. Niemand von uns ist der knallharte Ermittler, den all dieses Leid kalt lässt. Würde uns diese Tatsache doch nicht von ihnen unterscheiden. Von den Mördern. Den Vergewaltigern. Den Sadisten.
    Manchen mag es überraschen, dass es trotz all dieser Grausamkeit, die uns ständig umgibt, dennoch Fälle gibt, die auch uns erfahrenen Ermittlern näher gehen als andere. Jedem einzelnen von uns. Aber ansehen zu müssen, dass ein Mensch dreiundneunzig Leben zerstören konnte, ohne selbst etwas zu tun, lässt in uns die Frage laut werden, ob unsere Arbeit überhaupt Sinn hat. Ob wir überhaupt etwas verändern, das Leid in dieser Welt lindern können. Dinge wie diese lassen mich trotz allem hin und wieder zweifeln. Egal wie sicher ich mir meiner Entscheidungen im Grunde auch bin.
    Soll ich den Mut eines William Hightower bewundern, das Leben des Menschen zu beenden, der das seiner Schwester nahm? Kann ich versichern, es nicht zu tun? Ich sah die Überreste der Leichen. Blickte auf die unzähligen Leben, die ausgelöscht wurden. Ich hörte seine Stimme. Eine Stimme ohne Reue, ohne Mitleid, ohne Einsicht. Die Stimme eines Mörders, an dessen Händen vielleicht kein Blut klebte, aber ebenso viel Schuld wie an jenen seines Bruders. Vielleicht mehr. Und ich sah die Angehörigen. Jene Menschen, die nun für immer mit diesem Wissen leben müssen.

    Auch mich verfolgen jene Bilder weit über den Abschluss eines Falls hinaus. Vielleicht gelingt es mir vor meinem Team, vor meinen Kollegen, meine Gefühle tief in meinem Inneren zu verbergen. Aber vor mir selbst kann ich sie nicht verstecken. Am Morgen, wenn ich mein Appartement verlasse, sitzt meine Maske perfekt, ist festgezurrt, um mein wahres Ich abzuschirmen. Doch jeder Schritt, den ich an einem Tatort, in einer Ermittlung gehe, lässt sie ein wenig mehr verrutschen, während sich der einst feste Knoten langsam löst.
    Ich muss meine ganze Kraft aufwenden, um meine Maske an ihrem Platz zu halten. Um weiterhin den starken Agenten, den Anführer zu spielen, der sein Team zusammenhält. Manchmal ist mein Gesicht so starr, dass ein Blick in den Spiegel mich glauben lässt, sie würden mich durchschauen. Aber dann ist wieder ein Tag vergangen, meine Fassade noch immer aufrecht. Erst wenn ich am Abend die Tür meiner leeren Wohnung hinter mir schließe, stürzt sie in sich zusammen. Nur um am nächsten Morgen wieder mühsam aufgebaut zu werden.
    Aber ich brauche genau dieses Gefühl des nach Hause Kommens, auch wenn da niemand mehr ist, der mich erwartet. Niemand, bei dem ich die Geschehnisse des Tages vergessen kann. Mittlerweile hielt die Leere Einzug an dem Ort, der einmal ein Heim für mich gewesen war. Ein Heim sein sollte. Dennoch finde ich hier ein wenig Ruhe, ein wenig Kraft, um die Grausamkeit meines Jobs zu überstehen. Ruhe und Kraft, die ich vor allem an Tagen wie diesem so dringend brauche. Trotzdem weiß ich, dass morgen alles von vorn beginnen wird. Und übermorgen. Und jeden Tag darauf.

    Wir alle haben diese Fluchtmöglichkeit. Einen Ort, an den das Grauen dieser Welt nicht vordringen kann. Egal wo dieser für uns ist. Ob bei unserer Familie. In einer einsamen Hütte im Wald. Oder einem modernen Appartement in der Stadt. Wir brauchen diesen Ort, an dem wir vergessen, verdrängen können, was am Tag geschah. An dem unsere Gedanken nicht länger um die Entscheidungen, die wir treffen mussten, und deren Konsequenzen kreisen. Auch ich kehre an jedem Abend dahin zurück und sperre die wirkliche Welt aus. Zumindest war ich bisher davon überzeugt. Bis jetzt.
    In einem winzigen Moment sehe ich mich erneut mit dem konfrontiert, das ich für ein paar Stunden zu vergessen suchte. Sehe mich durch seine Worte erneut mit der Entscheidung konfrontiert, die ich traf, die ich treffen musste, und die mich seitdem an ihrer Richtigkeit zweifeln lässt. Zweifeln, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Mein Verstand weiß um den Fehler, den Detective Novak beging. Weiß um die Richtigkeit meiner Ablehnung. Und doch tauchen erneut die Gesichter jener unschuldigen Menschen, die diese Entscheidung das Leben kostete, vor meinem inneren Auge auf.
    Der Schmerz, der sich durch meinen gesamten Körper zieht, vermag meine Gedanken, nicht ruhen zu lassen. Doch anstatt um die Geschehnisse in der Gegenwart, in meinem Appartement kreisen sie ununterbrochen um den Grund, der diese auslöste. Während ich in den vergangenen Tagen und Wochen mit den Folgen meiner Entscheidung haderte, erkenne ich nun, dass dies lediglich der Anfang war. Der Anfang ist. Unwillkürlich erscheint vor meinem inneren Auge die Vision seiner Zukunft. Eine grausame Vision.

    Ich weiß, dass nicht ich es war, der ihm die Waffe in die Hand legte. Aber dieses Wissen macht die Tatsache nicht besser. Die Tatsache, dass meine Entscheidung ihn dazu brachte, erneut zu morden. Zehn Jahre lebte er im Verborgenen. Zufrieden mit der Macht, die er über einen anderen Menschen, über einen Polizisten besaß. Vielleicht hätte ich damals wissen müssen, dass er nicht einfach aufgehört hatte. Nicht einfach aufgehört haben konnte. Doch ich befolgte meine Befehle. Verließ Boston und wandte mich jenen Orten zu, die meine, die unsere Hilfe brauchten.
    Viel Zeit ist seitdem vergangen. Viel zu viel. Zeit, die dieser Mann genutzt hat. Genutzt, neue Wege zu finden, die Stadt in Panik zu versetzen. Den Menschen ihren ruhigen Schlaf zu rauben. Für ihn bedeutet es mehr als das Töten an sich. Er kostet seine Macht aus. Macht über sein Opfer. Und über mich. Der Deal hätte ihm genau diese Macht gegeben. Macht über einen Bundesagenten. Doch ich schlug ihn aus. Brachte ihn dazu, seine Macht auf andere Weise einzufordern. Ich traf eine Entscheidung und muss nun mit den Konsequenzen leben. Doch wie lange? Minuten? Stunden? Tage?

    Manchmal macht man alles richtig. Haargenau richtig. Und hat trotzdem das Gefühl, man hätte versagt.


    ENDE
     
  11. *PiperHalliwell

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    [NCIS] If I never see you again...

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    If I see never you again...


    If I never see you again
    And think of me now and then
    Though it hurts so deeply
    They say all good things come to an end
    You've changed my life completely
    I'm touched by your love
    Even if I never see you
    If I never see you again

    And if I never see you again

    No one can tell you how the story ends
    Where the road will lead
    When love begins


    Aus der Ferne drangen gedämpfte Stimmen und ausgelassenes Lachen an mein Ohr. Ich musste nicht auf die Uhr sehen, um zu wissen, dass die jungen Männer nach dem Schichtwechsel auf dem Weg in ihre Kabinen waren. Vermutlich hatten sie sich wie so oft mit ein paar ihrer Kollegen zum Pokern verabredet. Vielleicht hätte ich es unterbinden müssen, denn 'Zusammenkünfte' wie diese schienen, langsam Überhand zu nehmen. Aber so ernst ich meinen Job normalerweise auch nahm, war mir das in diesem Moment vollkommen egal.
    Ein leises Seufzen rann über meine Lippen, als ich darüber nachdachte, wie gern ich an diesem Abend mit meinem Team zusammen sitzen würde. Und wäre es nur, um zu arbeiten. Doch stattdessen stand ich allein in der Dunkelheit und starrte auf die unendliche Weite des Ozeans. Die silberne Sichel des Mondes spiegelte sich in der Wasseroberfläche und ließ das tiefe schwarz unter sich funkeln. Nicht die kleinste Bewegung zerstörte dieses Bild. Erst der Rumpf der Seahawk, der sich unaufhaltsam durch das Meer zu graben schien, ließ es in tausende ruhelose Wellen zerfallen. Tief sog ich die salzige Luft auf, ließ sie in meine Lungen strömen. Versuchte, in der Stille dieser Nacht meine Umgebung, meinen Alltag zu vergessen. Doch dies gelang mir nur leidlich.
    Erschöpft lehnte ich mich an die Reling des gigantischen Flugzeugträgers und schloss meine Augen. Wie so oft in letzter Zeit versank ich vollkommen in meine Gedanken. Seit über vier Monaten war ich hier eingesperrt, auf diesem Koloss aus tausenden Tonnen Stahl. Zusammen mit über fünftausend meiner 'engsten Freunde'. Oder anders gesagt, ich war der einzige Bulle an Bord einer Stadt mit mehr als fünftausend Einwohnern. Von Anfang an war ich für sie ein Fremder, ein Eindringling gewesen, der hinter ihnen her schnüffelte. Und das blieb ich. Ständig waren sie um mich, immer auf der Hut vor dem Agenten in mir. Und es gab kein Entkommen. Nicht einmal in meiner Kabine blieb ich lange allein. Auch wenn ich es in meinem Herzen ununterbrochen war.

    Seit dem Moment, als Gibbs mich zum NCIS geholt hatte, hatte ich nicht mehr diese Einsamkeit gespürt, die mich nun in jeder Sekunde des Tages begleitete. Ich vermisste sie. Sie alle. Schließlich waren sie meine Kollegen, meine Freunde, meine Familie. Doch bei dem Gedanken an Ziva breitete sich ein anderes Gefühl in meinem Inneren aus. Ich konnte mir selbst nicht erklären, was genau es war. Nur ein einziges Mal hatte ich bisher etwas in dieser Art empfunden. Aber auch diesmal begriff ich zu spät, was sie mir bedeutete, wie wichtig sie mir war. Denn in diesem Moment hatte ich sie bereits verloren. Ich hatte geahnt, dass sie vermutlich irgendwann zurückkehren durfte, aber ich würde wohl für immer ein Gefangener an einem Ort wie diesem sein.
    Auch mit großer Mühe konnte ich den riesigen Kloß, der sich in meinem Hals ausbreitete, nicht hinunterschlucken. Es war erst wenige Stunden her, dass ich ihr in die Augen geblickt hatte, zum ersten Mal seit über vier Monaten. Genau in dieser Sekunde war mir bewusst geworden, wie sehr sie mir gefehlt hatte, dass ich befürchtet hatte, sie vielleicht nie wiederzusehen. Doch gemeinsam mit ihr kehrten auch die Erinnerungen zurück. Die Erinnerungen an mein Versagen. An diesen Ort verbannt zu sein, war die Strafe dafür. Das wusste ich, auch wenn Abby immer wieder versuchte, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Doch ein Brief war schnell vergessen, wenn man zu viel Zeit hatte, um über die Vergangenheit nachzudenken. Und schließlich hatte ich es akzeptiert, auch wenn ich mir gewünscht hatte, endlich nach Hause zurückkehren zu dürfen. Aber vielleicht hatte ich auch nur resigniert.

    Immer wieder hatte ich mich gefragt, wie es so weit kommen konnte und doch keine Antwort gefunden. In den zwei Wochen, die ich in Cartagena hatte verbringen müssen, hatte ich mir eingeredet, endlich mein Leben weiterzuführen. Doch es war nur eine Illusion gewesen. Ich hatte gefeiert, mich mit dieser Sängerin amüsiert, aber es war nicht wie früher gewesen. Eigentlich war sie sehr attraktiv, geradezu heiß hätte ich noch vor zwei Jahren gesagt. Aber mittlerweile löste sie nichts in mir aus, außer dem Wunsch nach Vergessen. Diese Abende waren zu einer Droge für mich geworden. Ich hatte den Alkohol gebraucht, und ich hatte den Sex gebraucht. Die Vorwürfe, die Schuldgefühle, sie hatten mich aufgefressen. Und ich hatte nur noch vergessen wollen, egal zu welchem Preis. Doch dieser Preis war hoch gewesen, zu hoch. Ich hatte sie benutzt. Und mich selbst beinahe verloren.
    Plötzlich kam mir meine Unterhaltung mit Ziva in den Sinn: „Und, machst du dir noch Vorwürfe wegen Jenny?“ „Nicht mehr so oft wie früher.“ „Trinkst du?“ „Nicht mehr so viel wie früher.“ Vielleicht ahnte sie bereits, wie es mir hier ging, vollkommen allein. Aber genauso wusste sie, dass sie mich nicht mit ihrer Sorge erdrücken durfte. Ich war nicht oft ehrlich, verbarg meist die Wahrheit hinter meiner üblichen Maske aus Witzen. Doch in diesem kurzen Moment hatte ich ihr offenbart, wie es wirklich in meinem Inneren aussah. Es war nur ein winziger Spalt gewesen, aber sie hatte hinter meine Fassade blicken können. Und ich wusste, dass sie mich verstand.
    Erst in den letzten Tagen hatte ich endlich angefangen zu kämpfen. Um mein Leben, vielleicht auch um mich selbst. Ich wusste nicht mehr, was genau mich dazu gebracht hatte, aber ich wusste, dass ich nicht so weiter machen konnte, nicht so weiter machen wollte. Vielleicht hatte in meinem Inneren doch noch ein winziger Funken Hoffnung geglommen, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft nach Hause zurückkehren würde. Zu meiner Familie. Und zu ihr...


    Als ich die Augen öffne, umspielt ein glückliches Lächeln meine Lippen. Der Blick aus dem Fenster offenbart mir beinahe das selbe Bild, das ich vor vierundzwanzig Stunden vor Augen hatte. Doch jetzt nehme ich es aus einer anderen Perspektive wahr. Denn ich bin endlich auf dem Weg nach Hause. Während ich meinen Kopf entspannt an die unbequeme Stütze in meinem Rücken lehne, wandern meine Augen unwillkürlich nach links. Sie sitzt neben mir, beinahe als wäre es in den vergangenen vier Monaten niemals anders gewesen.
    „Ich habe dir noch gar nicht gesagt, wie schön es ist, dich wiederzusehen.“ Meine Stimme ist ungewohnt rau, als ich diese Worte ausspreche. Sie wendet sich mir zu, lächelt mich sanft an, während sie mir für einen Moment in die Augen sieht. Das warme braun zieht mich unwillkürlich in seinen Bann, strahlt eine Art Normalität und auch Sicherheit auf mich aus, die mir so sehr fehlten. Wie vermisste ich es, ihr nah zu sein, einfach ihre Anwesenheit zu spüren. „Doch, das hast du“, gibt sie schließlich ein wenig verwirrt zurück, aber ich schüttle bestimmt den Kopf und flüstere kaum hörbar: „Oh nein, nicht einmal ansatzweise.“


    ENDE
     
  12. *PiperHalliwell

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    [The Mentalist] Depths - Abgründe

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    Depths - Abgründe

    Als du die weiße Tür öffnest, dringt aus dem Inneren anstatt eines Lichtscheins der gleiche eisige Hauch durch den Spalt, der dich auf deinem Weg von der Wohnungstür begleitet hat. Doch da sind keine weit geöffneten Fenster und Türen, durch die die milde Frühlingsluft in das Appartement strömt, die dir dieses Gefühl zu vermitteln vermag. Viel mehr scheinen es, die Atmosphäre, die Aura dieser Umgebung zu sein, die eine Gänsehaut über deinen Körper rinnen lassen. Lediglich der schmale aber kräftige Strahl deiner Taschenlampe durchbricht die undurchdringlich erscheinende Schwärze, gleitet förmlich wie ein scharfes Messer durch diese. Für einen Moment scheint es dir sogar, als würde jene dunkle eisige Aura die Helligkeit aufsaugen, sobald sie mit dieser in Berührung gekommen ist. Du kneifst kurz deine Augen zusammen, die sich nur langsam an das diffuse Zwielicht des Schlafzimmers gewöhnen. Und erstarrst förmlich in deiner Bewegung.

    „Was wollen Sie?“

    Während seine Worte ungehört an dir vorbeirauschen, starrst du wie versteinert auf die Fratze, die unermüdlich auf ihn hinab blickt. Jene Fratze, die nicht nur von Red Johns Anwesenheit in diesen Räumen zeugt, sondern auch von dem grausamen Tod zweier geliebter Menschen. Obwohl du diesem grinsenden Strichbild bereits viel zu oft gegenüber standest, erscheint es dir an diesem Ort noch unheimlicher. Noch höhnischer. Noch bedrohlicher. In deine Betrachtung der zu einer rötlich-braunen Kruste erstarrten Linien vertieft, bemerkst du im ersten Moment nicht, wie müde seine Stimme klingt. Beinahe als wäre ihm deine Anwesenheit im Grunde egal. Angestrengt versuchst du, deinen Blick loszureißen, dich zu sammeln. Um dir nicht anmerken zu lassen, was in dir vorgeht. Aber es will dir nicht gelingen. Und das weißt du. Doch es ist dir für diesen Augenblick gleichgültig.

    „Ich wollte nur sichergehen, dass... Ist alles in Ordnung?“

    Eine überflüssige Frage. Und trotzdem stellst du sie. Ein Frage, die die Sorge in deiner Stimme nicht verbergen kann, so sehr du es auch versuchst. Diese Sorge lässt dich sogar für einen Moment die Antwort auf seine Frage vergessen. Und du weißt, dass er sie hört, sie förmlich spürt. Du dachtest nicht darüber nach, hierher zu kommen. Dein Unterbewusstsein führte dich unweigerlich an diesen Ort. Doch so klar dir deine Worte auf dem Weg hierher waren, so schnell sind sie verblasst, kaum dass du die Tür zu seinem Schlafzimmer geöffnet hast. Kaum dass deine Augen das mit Blut gezeichnete Antlitz wahrgenommen haben. Für einen winzigen Moment hast du an eine Halluzination geglaubt. Hast darauf gehofft. Aber im Grunde ist dir klar gewesen, dass dies die Realität ist. Jene grausame Realität, mit der er seit beinahe fünf Jahren lebt.

    „Alles bestens.“

    Du vernimmst seine gezischte Erwiderung. Den versteckten Sarkasmus darin. Siehst sein aufgesetztes Lächeln. Aber deine Aufmerksamkeit konzentriert sich weiterhin auf dein Umfeld. Du kannst nicht verhindern, dass dein Herz noch heftiger gegen deine Rippen hämmert. Dass sich die Empfindung in deinem Inneren manifestiert, beobachtet zu werden. Beobachtet von einer Fratze. Alles in dir ist noch immer erstarrt, auch wenn du dich mittlerweile von diesem surrealen Anblick gelöst hast. Wie von selbst schweifen deine Augen kaum merklich durch den Raum. Nehmen beinahe unbewusst die Umgebung in sich auf. Im Grunde stelltest du dir diesen Ort ganz genauso vor. Gleichzeitig jedoch vollkommen anders. Du vermagst nicht, ausdrücken zu können, was du bei diesem Anblick empfindest. Es ist, wie erwartet, luxuriös, aber dennoch trostlos, kalt und düster. Eine unheimliche Atmosphäre, die von einem einst harmonischen Heim Besitz ergriff.

    „Das soll ich Ihnen tatsächlich glauben?“

    Angestrengte Leichtigkeit liegt in diesen Worten, mit denen du deine Überlegungen abzuschütteln versuchst. Ein verzweifelter Versuch, deine Anspannung, deine Sorge zu verbergen. Und er weiß es. Seine blauen Augen glitzern geheimnisvoll in dem diffusen Lichtschein. Doch gleichzeitig scheinen sie beinahe noch verschlossener als sonst. Vielleicht vermagst du nicht, nachzuvollziehen, was die Jagd nach Red John für ihn bedeutet. Aber du bist dir darüber im Klaren, dass sie ihn irgendwann zerstören wird. Dass sie einen Teil seiner Selbst vermutlich bereits zerstört hat. Jenen Teil, der nicht mit seiner Familie starb. Du weißt nicht, was von deinem Kollegen, dem Mann, der er einmal war, überhaupt noch übrig ist. Was von ihm mehr ist als eine leere Hülle. Eine Hülle, die lediglich von dem Wunsch nach Rache, nach Vergeltung am Leben erhalten wird.

    „Tun Sie, was Sie wollen!“

    Er scheint, mit seiner Kraft am Ende. Denn dieser Wunsch kann seinen Lebenswillen nicht ersetzen. Nicht auf Dauer. Egal, wie stark dieses Verlangen sein mag. Kann es doch niemals stark genug sein. Und diese Tatsache entging dir nicht. Seit ihr heute Morgen das Büro von Boscos Team betratet, steht er vollkommen neben sich. Ist nur mehr ein Schatten seiner Selbst. Jetzt mehr denn je. Du konntest sehen, dass es ihm von Sekunde zu Sekunde schwerer fiel, seine Maske aufrecht zu erhalten. Seine Maske, die nun endlich gefallen ist und all seine Gefühle offenbart. Die Schuld. Den Zorn. Die Hilflosigkeit. Er hockt zusammen gesunken unter dem blutigen Antlitz. Unter der Fratze, die das unübersehbare, scheinbar unvergängliche Zeichen für den größten Fehler seines Lebens darstellt. Wie ein Stigma, das ihn brandmarkt. Brandmarkt ob seiner Arroganz, die ihn das Liebste auf dieser Welt kostete.

    „Ich glaube es nicht. Ich glaube nicht, dass es Ihnen gut geht.“

    Langsam trittst du näher. Zögerst beinahe, als seist du dir deines Handelns unsicher. Doch du hast das unerklärliche Bedürfnis, ihm Halt zu geben. Ihm den Halt zu geben, den er braucht. Und den er dennoch zu stolz ist, anzunehmen. Mittlerweile ist seine selbstbewusste, ewig gut gelaunte Fassade in sich zusammengebrochen. Hat dem wahren Menschen Platz gemacht, der sich für gewöhnlich hinter dieser versteckt. Du lässt dich stumm neben ihm nieder, ohne ihn dabei anzublicken. Als wäre dies selbstverständlich. Als wäre deine Anwesenheit selbstverständlich. Trotzdem entgeht dir nicht, wie sich seine Atmung beschleunigt. Wie sich sein Körper versteift. Wie sich jeder einzelne seiner Muskeln anspannt. Bereit, dich energisch von diesem Ort zu vertreiben. Auch wenn er im Grunde weiß, dass ihm dies nicht gelingen wird. Nicht gelingen kann. Denn du wirst ihn nicht zurücklassen. Nicht hier. Nicht allein unter dieser höhnischen Fratze.

    „Verdammt, Sie haben kein Recht dazu. Sie haben kein Recht, hier aufzutauchen.“

    Ein vergeblicher Versuch, sich gegen deine Anwesenheit zu wehren. Doch du spürst, dass die Worte nur halbherzig über seine Lippen kommen. Dass er tief in seinem Inneren will, dass du bleibst. Es jedoch niemals aussprechen würde. Deshalb verharrst du neben ihm. Schweigend. Du weißt, dass er nicht mit dir sprechen, dir noch nicht einmal zuhören will. Aber das ist unwichtig. Denn du bist nicht hier, um zu reden. Um leere Floskeln von dir zu geben. Also tust du es ihm gleich. Du bleibst stumm. Starrst weiterhin auf die in diffuses Zwielicht gehüllte Wand vor dir. Bis sein Blick dich nach einer kleinen Ewigkeit schließlich streift. Und du diesen unwillkürlich erwiderst. In seine blauen Augen siehst, die dir zum ersten Mal seine Seele zu offenbaren scheinen. So intensiv, dass du beinahe glaubst, seine Empfindungen zu spüren. Sie teilen zu können.

    „Ich weiß. Aber dennoch bin ich hier.“

    Sein Blick hält dich gefangen, während der Schmerz darin, dir den Atem zu rauben, droht. Dennoch erwiderst du ihn. Drängst das Gefühl der Hilflosigkeit in deinem Inneren zurück. Wie selbstverständlich tastet deine Hand nach der seinen. Schlingt sich um die Finger, die sich verkrampft an der Matratze festgekrallt haben. Während diese sich nur langsam entspannen, wendet er sich wieder ab. Ohne jedoch deine Berührung zu unterbrechen. Du spürst, wie seine Atmung allmählich ruhiger und gleichmäßiger wird. Wie die Anspannung endlich aus seinem Körper weicht. Aber gleichzeitig weißt du, dass es in seinem Inneren anders aussieht. Dass sein Inneres nicht so einfach loslassen kann. Viel zu verbissen verfolgt er noch immer seine erbitterte Jagd nach Red John, als dass er nun so einfach abschalten könnte. Trotz oder gerade wegen der Geschehnisse der vergangenen Stunden.

    „Sie müssen nicht hier sein und mir die Hand halten. Ich komme schon klar.“

    Für einen winzigen Moment huscht ein sarkastisches Lächeln über deine Lippen. Bevor sich deine Miene erneut undurchdringlich verschließt. Im Grunde hast du diese Reaktion bereits erwartet. Bist sie von ihm gewöhnt. Und doch ist etwas anders. Denn sein Körper spricht eine andere Sprache als seine Worte. Während du ihn noch immer still musterst, drängt sich dir unwillkürlich der Gedanke auf, dass er dieses Leben als seine gerechte Strafe ansieht. Dass er alle Menschen bewusst von sich stößt. Beinahe als glaube er, ihre Fürsorge nicht verdient zu haben. Dennoch versuchtest du stets, seine Zurückweisung nicht zu nah an dich heran zu lassen. Versuchtest, seine Ablehnung zu ignorieren. Jedes Mal aufs Neue. Denn du durchschautest ihn. Durchschautest sein Verhalten. Auch wenn es dich hin und wieder an den Rand der Verzweiflung trieb.

    „Wieso können Sie nicht einmal fremde Hilfe annehmen?“

    An einem anderen Ort, zu einem anderen Zeitpunkt würde diese Frage vorwurfsvoll, vielleicht gereizt klingen. Doch hier und heute ist deine Resignation aus diesen Worten herauszuhören. Denn du fühlst dich hilflos. Hilflos, weil du nichts anderes tun kannst, als neben ihm zu sitzen. Und schweigend seine Hand zu halten. Im Grunde hast du nicht darüber nachgedacht, hierher zu kommen. Hast gehandelt. Hast dich von deinem Instinkt leiten lassen. Genauso wenig wie du darüber nachgedacht hast, was dich erwartet. Dein Wunsch, ihm in diesem Moment den Halt zu geben, den er braucht, hat dich deine Zweifel vergessen lassen. Hat dich deine Müdigkeit vergessen lassen. Die gleiche Müdigkeit, die das gewohnte Funkeln seiner Augen zum Erlöschen gebracht hat, als er dich nun wieder anblickt. Die Resignation, einen erneuten Rückschlag einstecken zu müssen.

    „Weil ich nicht schwach bin. Nicht schwach sein will. Schwach sein darf.“

    Seine Stimme ist rau. Brüchig. Voller unterdrückter Emotionen. Emotionen, die auch er nicht länger zu verdrängen vermag. Egal, wie perfekt er für gewöhnlich darin ist. Egal wie perfekt seine Maske sitzt. Falsches Selbstbewusstsein und Lässigkeit vorspielt. Doch du kennst ihn lange genug, um es besser zu wissen. Ihr beide saht bereits mehr als nur einmal in die Abgründe des Seelenlebens eures Gegenübers. Auch wenn er stets versuchte, dir nur einen Bruchteil dessen zu offenbaren. Dennoch ist er ein verletzlicher Mensch. Versteckt einen verwundbaren Kern unter seiner harten, zuweilen rauen Schale. Jener Schale, die an den Ereignissen des vergangenen Tages zerbrochen ist. Wieder einmal. Und aus diesem Grund glaubst du fest daran, dass auch er einen Halt in seinem Leben braucht. Einen Halt, der du für ihn sein kannst. Zumindest heute Nacht.

    „Lass es zu! Wenn auch nur für einen Moment.“

    Das Blau seiner Augen wird mittlerweile von einem ungewohnten Glanz verhüllt. Dem Glanz ungeweinter Tränen. Tränen, die er nicht nicht länger zu verbergen vermag. Nicht vor dir. Du spürst seine Hand, die deine Berührung nun erwidert. Die sich fest um die deine schlingt. Doch zu mehr scheint er nicht fähig. Denn sein Körper bleibt weiterhin erstarrt. Also verharrst du erneut. Stumm. Geduldig. Ohne ihn zu drängen. Hälst seinen Blick nach wie vor fest. Lässt ihn lediglich deine Nähe spüren. Und den Halt, den diese ihm bietet. Die Zeit scheint, still zu stehen, als du unvermittelt ein Zucken in seinen Fingern wahrnimmst. Diese sich förmlich an dich klammern. Bevor seine Lider erschöpft das matte Blau seiner Augen verbergen. Beinahe im gleichen Atemzug sinkt sein Kopf nach unten. Nur um auf deiner Schulter zum Ruhen zu kommen, während deine andere Hand sich unwillkürlich in seinen Nacken legt. Ihn an dich zieht.


    ENDE
     
  13. *PiperHalliwell

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    [The O.C.] Undisclosed Desires

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    Undisclosed Desires

    Es waren einmal eine wunderschöne Prinzessin aus Newport Beach und ein mittelloser Raufbold aus Chino. Ihre erste Begegnung schien, das Klischee eines magischen Momentes zu erfüllen. Ein Moment wie einem Märchen entsprungen. Das Knistern, das unvermittelt ihre nähere Umgebung erhellte, versprach die Erfüllung eines unbekannten Schicksals. Manch einer würde es als als Liebe auf den ersten Blick bezeichnen. Andere als Vorhersehung. Vermutlich hat jeder von ihnen Recht. Und doch sollte es anders kommen. Gab es etwas auf dieser Welt, das größer war als die Bestimmung. Etwas, das für immer zwischen ihnen stehen sollte.

    Marissa Cooper-Ward führt das Leben, von dem unzählige Menschen träumen. Die junge Frau ist wunderschön, reich und mit einem gutaussehenden, erfolgreichen Mann verheiratet. Bereits zu Schulzeiten galten sie und Luke als das Traumpaar der Harbor High. Saßen auf dem Thron der Ballkönigin und des Ballkönigs. Und diese Prophezeiung schien, sich bald zu erfüllen. Sie besuchten gemeinsam die University of California in Berkeley. Vier Jahre später feierte das junge Paar neben ihrem Abschluss auch ihre Verlobung und nur wenig später Hochzeit. Was darauf folgte, hätte kein Romanautor besser verfassen können. Während Luke das Autohaus seines Vaters übernahm und Edellimousinen verkaufte, kümmerte sich Marissa fortan um das weitläufige Anwesen und bald darauf um ihre kleine Tochter.
    Während jedoch jeder, der die junge Frau kennt, diese um ihr Leben beneidet, verbirgt sich unter der Oberfläche noch immer ein verletzliches Mädchen. Keiner ihrer Freunde weiß um die Seitensprünge ihres Mannes. Die Einsamkeit, die sie in diesem riesigen Haus umgibt. Unzählige Angestellte arbeiten von früh bis spät in den Räumen, während sie dennoch allein ist. Die Köchin sorgt für warme Mahlzeiten. Der Gärtner lässt das Anwesen in allen Farben strahlen. Das Kindermädchen besorgt die Erziehung ihrer Tochter. Was bleibt, sind ausgedehnte Shopping-Touren, die den ohnehin vollen Kleiderschrank mit weiteren überflüssigen Dingen füllen. Und oberflächliche Treffen mit genauso oberflächlichen Menschen. Nicht einmal die sich ständig wiederholenden Bälle und Charity Events der Newport Beach High Society versprechen ein wenig Abwechslung.
    So vergeht Tag für Tag ihres Lebens. Eines Lebens, das vorherbestimmt war und von dem sie dennoch noch immer glaubt, noch immer hofft, dass es nicht alles ist. Sie selbst fühlte sich nie als dieses reiche, hübsche und beliebte Mädchen, als das jedermann sie so gern sah. Angefangen bei ihren Eltern bis hin zu ihrem Freund. Schon immer wollte sie mehr als jenes Dasein, das ihre Mutter fristete und für sie so sehnlichst anstrebte. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass ein Moment der Vergangenheit sie niemals losließ. Dass sie in all den Jahren stets die Erinnerung an einen Jungen begleitete. An einen ganz besonderen Jungen.

    Ryan Atwood hingegen führte sein Leben stets auf der anderen Seite der Gesellschaft. Es schien, als würde sein Dasein alles negative Potential in sich vereinen. Als würde er Schwierigkeiten magisch anziehen. Er war in einem miesen Viertel von Chino in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater im Gefängnis. Seine Mutter Alkoholikerin. Mit den Typen, die diese immer wieder nach Hause brachte, geriet er fortwährend aneinander. War doch jeder von ihnen widerwärtiger als der vorangegangene. Sogar sein großer Bruder, der eigentlich sein Beschützer sein sollte, geriet immer öfter mit dem Gesetz in Konflikt. Und schreckte nicht davor zurück, auch ihn in seine Diebeszüge hineinzuziehen.
    Nur ein Mensch gab ihm die Möglichkeit, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Und er musste sie vermasseln. Wie so oft manövrierte er sich in eine Situation, die ihn diese Chance kostete. Die ihn zurück in seine erbärmliche Wirklichkeit beförderte. Für einen einzigen Tag konnte er einen Blick auf das Leben erhaschen, das seines hätte sein können. Doch ihm blieb nichts anderes übrig, als die Erinnerung daran zu verdrängen. Sie als Träumerei abzutun. Also kehrte er in das Leben zurück, das er zuvor gelebt hatte. Und dem er wohl nie entkommen würde. Im Grunde hätte er ohnehin nicht nach Newport Beach gepasst. Wäre stets der Außenseiter auf Bewährung geblieben. Deshalb war es besser, wenn er versuchte zu vergessen, was hätte sein können. Was er möglicherweise verpasst hatte.
    Und so machte er an dem Punkt weiter, an dem er aufgehört hatte. Aber gleichzeitig hatte dieser kurze Ausbruch aus seiner Welt ihn wachgerüttelt. Ließ ihn ein besseres Leben anstreben. Er beendete die High School. Besuchte die California State University Fullerton. Und heiratete schließlich seine Jugendliebe Theresa. Tat, was richtig war. In den vergangenen Jahren kämpfte er dafür, etwas zu erreichen. Auch wenn es viel Kraft und Geduld kostete, ist er doch mittlerweile Leiter eines kleinen Bauunternehmens. Um seiner Frau und seinem kleinen Jungen das Leben zu ermöglichen, das ihm verwehrt blieb. Aber trotz allem lässt ihn die Erinnerung nicht los. Begleitet ihn stets das Gesicht eines wunderschönen Mädchens.


    **********​
    „Du hast mir so sehr gefehlt.“ - „Du hast mir auch gefehlt.“

    Egal wie bewusst sie sich darüber sind, dass es falsch ist. Dass sie mit ihrem Handeln die Menschen verletzen, die ihnen wichtig sind. Tun sie es dennoch wieder und wieder. Zuerst war ihr Wiedersehen nach beinahe zehn Jahren reiner Zufall. Eine junge Frau, die mittlerweile für die Newport Group arbeitete, um wieder ein Gefühl von Bestätigung zu erhalten. Und ein junger Mann, dessen Baufirma gelegentlich Projekte in Newport Beach betreute. Doch ein Blick in die Augen des Gegenübers zog sie in eine Art Sucht. Eine Sucht, die jede einzelne Begegnung, jede Sekunde mit dem Anderen nur noch auswegloser erscheinen ließ. Eine erste unabsichtliche Berührung. Ein scheuer Kuss. Und es war zu spät. Sie spielten mit dem Feuer, aus dessen Flammen es kein Entkommen gab.
    Marissa Cooper-Ward ist mehr als die schöne reiche Frau, die ein perfektes Leben führt. Vielleicht sind es die Menschen in Newport Beach, die sich nur zu gern von einer glatten Oberfläche blenden lassen, ohne dahinter zu blicken. Denn würden sie das tun, würden ihnen die Narben nicht entgehen, die die vergangenen Jahre auf ihrer Seele zurückließen. Doch in seinen Armen scheint es, als könnten diese Wunden endlich heilen. Würden die Erinnerungen langsam verblassen. Die Erinnerungen an einen Vater, der sich noch immer auf der Flucht vor der Polizei befindet. An eine Mutter, die ununterbrochen auf der Suche nach einem neuen reichen Mann ist. Erinnerungen an einen Ehemann, dessen besitzergreifendes Wesen ihr immer öfter die Luft zum Atmen nimmt.
    Ein Leben lang war sie Gefangene in einem goldenen Käfig. Aber irgendwann war es nicht mehr als eine Rolle, die sie spielte. Die Rolle der beliebten Tochter. Der schönen Ehefrau. Der perfekten Mutter. Sie will nur ein paar Minuten dieses Leben hinter sich lassen. Will einfach nur Marissa sein. Und in seiner Nähe hat sie endlich das Gefühl, niemand anderer als Marissa sein zu müssen. So wie Ryan in ihrer Nähe das Gefühl hat, einmal nicht kämpfen zu müssen. Kämpfen um Anerkennung. Um Erfolg. Kämpfen, um seiner Familie die Zukunft zu ermöglichen, die er sich immer erträumte. Vielleicht macht sie ihn nicht zu einem besseren Menschen. Doch die Sehnsucht nach ihr bleibt.
    Die Planen, die von der Decke des halb fertigen Hauses hängen, schirmen die Realität von ihnen ab. Sodass sie in ihrer eigenen Wirklichkeit versinken können. Doch mittlerweile sind die Kerzen, die das obere Geschoss in ein diffuses Zwielicht tauchen, beinahe herunter gebrannt. Ein Zeichen dafür, dass sie erneut Abschied nehmen müssen. Wie so oft haben die beiden in den Armen des Anderen die Zeit vergessen. Haben die gesamte Welt um sich herum vergessen. Die nackten Körper lediglich in eine dünne Decke gehüllt, verlieren sie sich in einem letzten Kuss. Um dann endgültig in den Alltag zurückzukehren. Sich sehnend nach ihrer verbotenen Liebe. Nach den heimlichen Berührungen, die sie erneut im Verborgenen tauschen werden. Denn sie können nicht ohne einander.

    „Marissa. Schatz, bist du hier? Du weißt, wir haben heute Abend Gäste. Alle warten auf dich.“

    Die ungeduldige Stimme ihres Mannes, begleitet von seinen eiligen Schritten, nähert sich schneller, als es den beiden möglich ist zu reagieren. Das Offensichtliche zu verbergen. Nur Augenblicke vergehen, bis er bereits zwischen den weißen Planen auftaucht. Dem Tor zur ihrer eigenen kleinen Welt. Der Anblick brennt sich förmlich in seinem Kopf ein. Während sich seine Miene unvermittelt verhärtet. Einen zornigen Ausdruck annimmt. Hastig tritt er näher, packt seine Frau grob am Arm, um sie unsanft auf die Beine zu ziehen. Die dabei Mühe hat, ihren nackten Körper mit dem dünnen Laken zu verhüllen. Während der Mann neben ihr versucht, sie zu beschützen. Den Menschen zu beschützen, den er liebt. Und dem er diese Liebe dennoch nicht gestehen kann. Verlieren nicht nur die beiden in wenigen Sekunden die Kontrolle über ihr gesamtes Leben.
    Ohne das Ziel seiner Hiebe zu realisieren, ohne es realisieren zu wollen, schlägt ein rasender Luke in blinder Wut um sich. Weder die aufgeplatzte Lippe seiner Frau noch das blaue Auge ihres Liebhabers nimmt er wahr. Auch der Mann, der sich schützend vor sie stellt, kann nicht verhindern, dass ein Faustschlag sie schließlich auf den harten Beton stürzen lässt. Während er sich neben ihr auf die Knie sinken lässt. Besorgt die stetig größer werdende Blutlache registriert. Fallen schließlich auch die kläglichen Reste ihres Liebesnestes dem Zorn ihres Ehemannes zum Opfer. Kein einziges Wort von sich gebend, kehrt er diesem Ort den Rücken. Verlässt das Skelett des Hauses, an dem bereits die Flammen der Kerzen empor schlagen. Überlässt die beiden Menschen, die lediglich ihrer Bestimmung folgten, ihrem Schicksal...

    ENDE​
     
  14. *PiperHalliwell

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    [Gilmore Girls] Shattering Dreams

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    Shattering Dreams

    Unbeweglich sitze ich auf dem Steg und starre auf den kleinen See. Beobachte die Tropfen, die auf die Wasseroberfläche fallen. Sich in Wellen verwandeln, die ihre Kreise ziehen und sich schließlich auflösen. Es ist mir egal, dass der kalte Regen meinen Talar durchnässt, dessen strahlendes Blau sich auf den Holzplanken ausgebreitet hat. Dass er ein leichtes Zittern durch meinen Körper rinnen lässt.
    Die Stille, die mich an diesem Ort umgibt, ist beruhigend. Beinahe wohltuend. Genau das, was ich im Moment brauche. Ruhe. Abseits der Hektik, der Euphorie dieses Tages. Vielleicht bin ich weggelaufen. Vor meiner ungewissen Zukunft. Vor dem Gefühl, versagt zu haben. Hier verschwimmt die Wirklichkeit. Scheint, auf dem Wasser davon zu treiben. Und sich wie die Regentropfen in Nichts aufzulösen.
    Gedanken versunken, streiche ich über meine goldene akademische Schärpe, die über meiner Schulter liegt. Jene Schärpe, die mich als Jahrgangsbeste ausweist und die mir dennoch kein Glück gebracht hat. Aber ich will nicht darüber nachdenken. Nicht jetzt. Blende stattdessen die Realität einfach aus. Lasse den sanften Wind alle Überlegungen aus meinem Kopf vertreiben. Bis nichts mehr übrig ist als Leere. Angenehme Leere.

    „Rory, was tust du hier? Du musst deine Abschlussrede halten.“ Und schon ist die Ruhe wieder vorbei. Denn in der Stimme meiner besten Freundin schwingt eine Mischung aus Sorge und Fassungslosigkeit mit. Doch sie weiß nicht, was ich weiß. Sie weiß nicht, dass sich all meine Träume in Luft aufgelöst haben. Das scheint wohl, ein beständig wiederkehrendes Thema in meinem Leben zu sein. In meinem wie auch in dem meiner Mutter.
    Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass ich es nicht ewig vor ihr würde verbergen können. Aber noch wollte ich ihre Fragen nicht hören. Konnte ihre Ermutigungen nicht ertragen. Eine Tatsache, vor der ich nun nicht mehr weglaufen kann. Lane ist hier. Sie kennt mich besser, als ich mich ab und an selbst kenne. Und was das Wichtigste ist, sie wird nicht eher lockerlassen, bis ich ihr die Wahrheit gesagt habe. Die ganze Wahrheit.
    „Ich kann nicht.“ Diese drei Worte verlassen wie ein Flüstern meine Lippen. Doch sie können die in mir tobenden Gefühle nicht verbergen. Vor allem nicht vor ihr. Schweigend lässt sie sich neben mir auf dem Steg nieder. Lässt wie ich ihre Füße über der spiegelnden Wasseroberfläche baumeln. Nun sitzen wir nebeneinander. Starren stumm auf das in Regenwolken gehüllte Stars Hollow. Lauschen den weit entfernt scheinenden Klängen des Schulorchesters.
    „Was ist los?“ Schlagartig erwache ich aus meiner Trance. Ihre Frage trifft mich unerwartet. Auch wenn ich darauf vorbereitet war. In meinem Kopf herrscht noch immer Leere. Habe ich doch alle Gedanken daraus verbannt, die unaufhörlich um den gestrigen Tag kreisten. Am liebsten würde ich diesen aus meinem Gedächtnis, aus dem Kalender streichen. Aber leider ist dies unmöglich. Egal wie sehr ich hoffe, dass es geschieht.
    „Ich hatte Sex und gehe nicht nach Harvard.“ Meine Antwort soll emotionslos klingen. Doch im Grunde weiß ich, dass mir dies nicht gelingt. Ich bin nicht einer dieser Menschen. Ich stecke Erlebnisse wie diese nicht ohne weiteres weg. Ersteres sollte eigentlich etwas besonderes sein. Und das zweite... Jahrelang habe ich dafür gearbeitet. Wie viele Stunden habe ich gelernt? Habe alles getan? Und nun sollte mein Traum niemals in Erfüllung gehen.
    „Was?“ Ich weiß, dass meine Worte unglaublich klingen. Jedes einzelne davon. Nicht einmal ich selbst habe es geschafft, diese Tatsachen wirklich zu begreifen. Immerhin stand für mich, für meine Mutter, für alle, die mich kennen und lieben, seit meinem vierten Lebensjahr fest, dass ich einmal nach Harvard gehen würde. Und was die andere Sache betrifft, wollte ich eigentlich nie den gleichen Fehler begehen wie sie. Und doch tat ich es.
    „Ich habe mit Jess geschlafen. Und ich habe eine Absage aus Harvard. Alles an einem Tag.“ Es erneut auszusprechen, ließ es für mich dennoch nicht glaubwürdiger klingen. Und für Lane wohl auch nicht. Denn sie schüttelte beständig ihren Kopf. Ich weiß nicht, welcher Teil meiner Erklärung für sie unerwarteter ist. Aber ich weiß ganz sicher, welcher Teil für sie der interessantere ist.
    „Du hast mit Jess geschlafen?“ Genau. Schon immer saugte sie jedes Detail meines Liebeslebens in sich auf. Beinahe als könnte sie dadurch ein wenig daran teilhaben. Bisher tat es mir stets gut, ihr davon zu erzählen. Immerhin stand sie mir dann mit Rat und Tat zur Seite. Auch wenn der Großteil davon lediglich aus einschlägigen Büchern stammte. Doch heute tut es einfach nur weh. Als wäre jede meiner Entscheidungen nichts anderes als ein Fehler gewesen.
    „Und jetzt ist er weg.“ Nun ist auch die letzte Einzelheit dieses beschissenen Tages ausgesprochen. Noch immer frage ich mich, wie ich mich derart in einem Menschen täuschen konnte. Warum ich die Zeichen nicht sah. Ich spürte, dass er etwas verschwieg. Versuchte, ihm zu helfen. Nur um wieder und wieder weggestoßen zu werden. Im Endeffekt tat er, was er immer tat. Er lief vor seinen Problemen davon. Und vor mir.
    „Wohin?“ Als hätte ich mir diese Frage nicht schon unzählige Male gestellt. Aber erhielt ich jemals eine Antwort? Natürlich nicht. Weder von ihm, noch von Luke oder sonst jemandem. Alles, was ich weiß, ist, dass er wohl diesmal nicht nach New York zurückgekehrt ist. Sein Abschied, den man nicht einmal als solchen bezeichnen konnte, war endgültiger als damals. Als das letzte Mal. Und da wusste ich, dass ich ihn wohl nicht wiedersehen würde. Zumindest nicht so bald.
    „Ich weiß es nicht. Und es ist mir auch egal.“ Ich rede es mir ein. Wieder und wieder. Aber mein Herz schreit dagegen an. Wie ich doch mittlerweile die Tatsache verfluche, mich in ihn verliebt zu haben. In letzter Zeit wünschte ich mir nicht selten, bei Dean geblieben zu sein. Er hätte mich niemals derart enttäuscht. Aber nun ist es zu spät. Und ich möchte weder daran denken müssen, noch länger darüber sprechen.
    Lane akzeptiert meine stumme Aufforderung, das Thema zu beenden. Auch wenn ich weiß, dass sie früher oder später erneut darauf zurückkommen würde. Ihre Neugier ist noch lange nicht gestillt. Doch in diesem Moment ist es mir vollkommen egal. Genieße ich lediglich die Stille, die uns nun wieder umhüllt. Sich wie Balsam auf meine Seele legt. Und die anstrengenden Gedanken aus meinem Kopf fegt.

    „Wenn meine Mutter Emily und Richard um das Geld gebeten hätte...“ So ganz komme ich dann doch nicht zur Ruhe. Dieser Brief, den ich gestern erhielt, beschäftigt mich zu sehr. Denn es war nur der kleine Umschlag, nicht der große. Jener, in dem sie ihr Bedauern ausdrückten. Ihr Bedauern, nicht an mir als Studentin interessiert zu sein. Ich bedauere es auch. Diese Typen in Harvard wissen überhaupt nicht wie sehr.
    „Du gibst Lorelai die Schuld?“ Ihre Frage klingt entsetzt. Beinahe anklagend. Würde ich in diesem Moment klar denken können, würde ich mich wohl selbst für meine Überlegung verachten. Aber die Enttäuschung ist zu frisch, als dass ich objektiv sein könnte. Ich wusste, dass eine angesehene Privatschule meine Chancen auf einen Studienplatz an einer Universität wie Harvard erhöhen würde. Genau, wie sie es wusste. Doch ihr Stolz, ihre Sturheit waren zu groß.
    „Ich weiß nicht.“ Das ist die Wahrheit. In diesem Augenblick kann ich nicht genau sagen, was ich denke. Meine Mutter tat beinahe alles, um mir meinen Traum zu ermöglichen. Aber eben nur beinahe. Vielleicht ist es für mich viel einfacher zu sagen, sie hätte doch nur meine Großeltern um das Geld bitten müssen. Immerhin wuchs ich nicht in dem gleichen goldenen Käfig auf, der ihr Zuhause war. Aus der Ferne ist eben alles einfacher.
    „Du bist die Beste unseres Jahrgangs. Du hast unzählige außerschulische Aktivitäten vorzuweisen. Nicht nur bei Wohltätigkeitsorganisationen.“ Wie Recht sie doch hat. Ich tat alles für diese Chance. Verzichtete auf so vieles. Verzichtete auf den Großteil meiner Freizeit. Tat Dinge, die ich sonst niemals tun würde. Wie ein Haus bei der 'Gemeinsam-anpacken-Aktion' zu bauen. Und dennoch war alles umsonst. Nur weil ich die falsche Schule besuchte.
    „Aber ich war nicht in Chilton.“ Eine öffentliche Schule passt eben nicht in den Lebenslauf eines Harvard-Absolventen. Eine Eliteuniversität setzt eine private High School voraus. Eine High School, die nur wohlhabende Eltern für ihre Kinder finanzieren können. Die meine Mutter sich nicht leisten konnte. Sie tat ein Leben lang alles für mich. Kaufte ein Haus, deckte mich mit zahllosen Büchern ein, aber diesen Wunsch konnte sie mir eben nicht erfüllen.

    Mein Kopf beginnt bereits, selbstständig neue Zukunftsmöglichkeiten zu entwickeln. Denn ich bin nun einmal ein Mensch, der sein Leben plant. Der seit vierzehn Jahren plant, sich im Herbst an der Harvard University einzuschreiben. Aber welche Alternative bleibt mir nun? Verkäuferin im Stars Hollow Book Store? Dort hätte ich immerhin auch etwas mit Büchern zu tun. Oder Zeitungen austragen? Die Stars Hollow Gazette ist natürlich nicht die New York Times.
    Mit Situationen wie dieser ist mein Verstand eindeutig überfordert. Immerhin musste ich bisher in meinem Leben keinen derartigen Rückschlag verkraften. Ich arbeitete stets hart. Und ich war erfolgreich. In allem, was ich tat. Denn ich wusste genau, was ich tun musste, um eines Tages meines großes Ziel zu erreichen. Das Ziel, das beinahe seit meiner Geburt feststand. Und für die schweren Entscheidungen gab es schließlich noch immer die guten alten Pro-und-Contra-Listen.

    „Was ist mit den anderen Unis?“ Ihre Frage reißt mich unvermittelt aus dem Schweigen, in das wir erneut verfallen sind. Für einen Moment will es mir nicht gelingen, den Sinn darin zu ergründen. Immerhin gab es für mich nur Harvard. Seit Jahren war mein Zimmer mit unzähligen Wimpeln und Fanartikeln dekoriert. Schon als Kleinkind trug ich viel zu große Sweat Shirts, die das Logo dieser Universität zierte.
    „Was?“ Natürlich bewarb ich mich auch an anderen Colleges. Das tat man nun einmal so. Aber ich war stets davon überzeugt, dass sich mein Traum erfüllen würde. Ich war überzeugt von mir. Zu überzeugt. Doch nun hielt ich den kleinen Umschlag und damit ihre Absage in den Händen. Und jetzt weiß ich tatsächlich nicht, was ich tun soll. Zum ersten Mal in meinem Leben weiß ich nicht, was ich tun soll. Habe ich keinen Plan.
    „Yale und Princeton. Hast du von ihnen eine Antwort bekommen?“ Seit ich gestern den Briefkasten öffnete, in dem mich diese Enttäuschung erwartete, mied ich diese kleine Box. Beinahe, als wäre diese Schuld an meinem Versagen. Als würde sie mich verspotten, würde ich ihr auch nur zu nahe kommen. Ich kann nicht noch eine weitere Ablehnung verkraften. Sie nicht noch einmal schwarz auf weiß lesen.
    „Ich weiß es nicht.“ Mein Schulterzucken unterstreicht meine Worte. In den letzten Tagen und Wochen erwartete ich stets ungeduldig den Briefträger. Doch heute habe ich es vermieden, ihm zu begegnen. Bin im Grunde vor ihm weggelaufen. Genau wie vor meiner Rede. Vor meiner Abschlussfeier. Denn dann hätte ich mich irgendwann auch mit meiner Mutter auseinandersetzen müssen. Bei der es ein Wunder ist, dass sie die Wahrheit noch nicht herausgefunden hat.
    „Los, komm mit! Wir gehen nachsehen.“ Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht mit diesem rigorosen Verhalten gerechnet. Obwohl ich es hätte besser wissen müssen. Obwohl ich Lane mittlerweile so lange kenne, um es besser zu wissen. Niemals würde sie es zulassen, dass ich in meinem Selbstmitleid versinke. Vor allem dann nicht, wenn sie glaubt, dass es noch eine Chance gibt, dass sich alles zum Guten wendet.
    „Jetzt?“ Ohne auf meine Antwort oder gar meinen Widerspruch zu reagieren, zieht sie mich enthusiastisch auf die Füße. Sie lässt meine Hand auch dann nicht los, als sie sich eilig in Bewegung setzt. Erst im letzten Moment greife ich nach meinem Barett, das neben mir auf dem Steg gelegen hat und setze es zurück auf meinen Kopf. Aber auch wenn ich nun wieder aussehe, wie eine Schulabsolventin, das Gefühl will sich dennoch nicht einstellen.
    „Ja, jetzt.“ Die Hauptstraße, die direkt an der Stars Hollow High und am Stadtpavillon vorbeiführt, meidend, laufen wir meinem Zuhause entgegen. Doch während Lane mich mit sich zieht, versucht, mich mit ihrem Optimismus anzustecken, hat die Angst von mir Besitz ergriffen. Im Grunde will ich nicht wissen, dass auch die anderen Universitäten mich nicht haben wollen. Dass ich auch ihnen nicht gut genug bin.

    „Diese arrogante Paris aus Chilton hat bestimmt keine Absage aus Harvard bekommen.“ In Gedanken an diese furchtbare Person kommen diese Worte zischend über meine Lippen. Ich musste sie immerhin bei der Vielzahl meiner Wohltätigkeitsaktivitäten ertragen. Und ich hasste sie. Vermutlich bin ich ein wenig eifersüchtig auf sie. Wohl eher total neidisch. Aber sie ist einer jener Menschen, die wissen, wie sie bekommen, was sie wollen.
    „Denk nicht darüber nach! Mach lieber den Umschlag auf!“ Nach einem kurzen Seitenblick auf meine beste Freundin ignoriere ich den kleinen Umschlag in ihrer Hand und nehme den großen an mich. Mein Herz hämmert aufgeregt in meiner Brust, obwohl ich noch immer nicht glauben kann, dass ich damit tatsächlich meine Zukunft in den Händen halte. Für einen Moment betrachte ich das Logo und genieße das Gefühl, bevor ich den Brief endlich öffne.
    „Ich habe eine Zusage von Yale.“ Ein erstauntes Flüstern rinnt über meine Lippen. Wieder und wieder überfliege ich die Zeilen des Schreibens. Ich kann es einfach nicht glauben. Noch vor wenigen Minuten hat mein großer Traum in einem Haufen Scherben zu meinen Füßen gelegen. Und nun soll er sich doch erfüllen. Vielleicht nicht so, wie ich erwartet und erhofft habe. Aber er würde dennoch in Erfüllung gehen. Eine Tatsache, die mir die Sprache verschlägt.
    „Yale, also?“ Lanes Frage zaubert ein Lächeln auf meine Lippen. Ein erleichtertes Lächeln. Beinahe, als würde sich die kalte Hand, die mein Herz umklammert hält, endlich lösen. Vor meinem geistigen Auge habe ich mich bereits an einem der staatlichen Colleges studieren sehen. Wie sollte sich dann mein Berufswunsch erfüllen? Die New York Times würde wohl niemals einen Journalisten einstellen, der kein Studium an einem Elite-College vorweisen kann.
    „Yale.“ Ich halte tatsächlich meine Zukunft in den Händen. Schwarz auf weiß steht sie in einem offiziellen Schreiben der Yale University. Das freudige Kribbeln in mein Inneren verstärkt sich, als meine beste Freundin mir aufgeregt um den Hals fällt. Fest drücke ich sie an mich, bevor wir beginnen, begeistert auf und ab zu hüpfen. Das taten wir das letzte Mal in unserer Kindheit. Doch an diesem Tag scheint es mir irgendwie angemessen.


    ENDE
     
  15. *PiperHalliwell

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    [Grey's Anatomy] Fighting a lost Battle

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    Fighting a lost Battle

    Während ich einen letzten Blick in die Akte werfe, die vor mir auf dem antiken Schreibtisch liegt, ertönt ein dumpfes Klopfen an der schweren Holztür, die mein Sprechzimmer von dem kleinen Vorraum trennt. Mit einem Seufzen nehme ich den Block zur Hand, in dem ich mir im Laufe der letzten Sitzungen Notizen machte und antworte dann mit meiner gewohnt tiefen Stimme: „Herein!“ Meine Assistentin hat mir das Eintreffen der beiden Ärzte bereits angekündigt, die mich nunmehr an drei Tagen in der Woche am frühen Morgen, vor meiner eigentlichen Sprechstunde, aufsuchen, dem einzigen Termin, an dem es ihr zeitraubender Beruf erlaubt. Ich nehme mir stets viel Zeit, den beiden die Hilfe zu geben, die sie bei mir suchen, zerbreche mir immer wieder den Kopf, in welche Richtung ich meine Bemühungen lenken sollte, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Aber so einfach, wie die meisten meiner Besucher, ich nenne sie nur ungern Patienten, es sich vorstellen, ist es in den häufigsten Fällen leider nicht. Mit einem kaum wahrnehmbaren Kopfschütteln vertreibe ich diese Überlegungen und konzentriere mich stattdessen auf die beiden und die vor uns liegende Sitzung.
    Jedes Mal, wenn das Ehepaar gemeinsam den Raum betritt, zieht es unwillkürlich die Blicke der Anwesenden auf sich, so auch in diesem Moment den meinen und das obwohl ich sie nun bereits seit einigen Monaten kenne. Die dunkelroten langen Haare der Frau glänzen im Licht der aufgehenden Morgensonne, während ihre schlanke Gestalt vor ihrem Mann durch die Tür tritt, die dieser ihr galant offen hält. Doch auch er könnte dem Cover einer der einschlägigen Illustrierten entsprungen sein, die neben Sportmagazinen den Tisch meines Vorzimmers zieren. Die dunklen vollen Haare, kombiniert mit einem schwarzen Strickpullover bringen seine strahlend grünen Augen zur Geltung, deren freundlicher Blick mit Sicherheit das Herz vieler Damen höher schlagen lässt. Zusammen scheinen sie, das perfekte erfolgreiche Paar zu sein, zumindest auf den ersten Blick, denn in den vergangenen Wochen hatte ich immer öfter die Gelegenheit, hinter die, oberflächlich betrachtet, vollkommene Fassade ihrer Ehe zu blicken.
    Wie in den meisten Fällen verbirgt sich, versteckt vor der Umwelt, hinter dem äußeren Schein etwas, das bereits viel zu lange verdrängt wurde, das mittlerweile zu tief geht, um es weiterhin zu ignorieren. Auch in dem Fall der beiden Ärzte, denen ich nun entgegentrete, ist es nicht anders, brodeln in ihrem Inneren die Emotionen, die Folgen eines Fehlers, den einer von ihnen beging. Es ist schwer nachzuvollziehen, was eine Frau in die Arme eines anderen Mannes, in die Arme seines besten Freundes treibt und welchen Anteil sein vorangegangenes Verhalten, seine Achtlosigkeit hatten. Fakt ist jedoch, dass sie in seinen Augen ihr Eheversprechen brach, es brach, indem sie den Anderen küsste, auch wenn sie selbst diese Ansicht nicht teilt. Dennoch scheint sie bereit, sich ihrer Schwäche zu stellen, kämpft um seine Vergebung, die er ihr jedoch nicht geben kann, womöglich nicht geben will. Doch das Bündnis, das sie vor zwölf Jahren vor Augen Gottes schlossen, ist auch ihm heilig, als dass er es so einfach beenden, so einfach aufgeben würde.
    Nur aus diesem Grund kamen sie nach Seattle, um ihr altes Leben und alles, was sie entzweite, hinter sich zu lassen, den Versuch zu starten, einen Neuanfang zu finden. Aber auch die Flucht vor den Problemen konnte ihnen nicht helfen, mussten sie sich doch irgendwann mit ihnen auseinandersetzten, wollten die diese zweite Chance wirklich nutzen. Bisher ist es mir jedoch nicht gelungen, wirklich zu erkennen, ob auch ihr Mann tief in seinem Inneren diese zweite Chance will oder ob sie für eine Ehe, eine Liebe kämpft, die bereits verloren ist. Aber wie so oft sind es lediglich ihre Augen, die mir ihren Schmerz, ihre Angst, ihn zu verlieren, offenbaren, als ich ihr schließlich meine Hand entgegen strecke. „Guten Morgen, Addison. Derek. Setzen Sie sich bitte!“ Erst danach wende ich mich ihm zu, um auch ihn zu begrüßen, bevor ich wortlos auf die beiden Sessel vor meinem Schreibtisch deute, hinter dem ich mich kurz darauf niederlasse und in einer Art Gewohnheit meine Hände verschränke, ein beruhigende Geste für mich.
    Bei jeder einzelnen Sitzung, egal welches Ehepaar gerade vor mir sitzt, überdenke ich vor allem meine ersten Worte sehr genau, lässt sich doch damit das Gespräch in eine bestimmte Richtung lenken. Alles andere ergibt sich in den meisten Fällen ganz von selbst, wenn die beiden nur erst den Anfang gemacht haben, miteinander zu sprechen, sich einander mitzuteilen. An diesem Morgen habe ich jedoch das Gefühl, dass der jungen Frau vor mir eine Frage auf der Seele brennt, eine Frage, die sie jedoch nicht zu stellen wagt. Aus diesem Grund schaffe ich ihr die Möglichkeit, sich zu offenbaren, indem ich den Grundstein lege und sie dazu auffordere, ihre Empfindungen zu schildern. „Wie fühlen Sie sich heute, Addison? Sehen Sie Ihrem Mann in die Augen und sagen Sie ihm, wie sie sich fühlen! Wie sie sich in ihrer Ehe fühlen!“ Ein fragender Blick trifft mich, bevor sie sich zögernd nach links wendet, den Kopf unsicher gesenkt, um diesen schließlich entschlossen zu heben und die Unterhaltung zu beginnen, die ich schweigend verfolge.

    „Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich die Einzige bin, die um diese Ehe kämpft.“

    „Das ist nicht wahr. Immerhin bin ich mit dir hier.“

    „Glaubst du tatsächlich, das reicht aus, Derek?“

    „Natürlich nicht.“

    „Nein, es reicht nicht. Du gehst mir aus dem Weg. Verbringst den ganzen Tag im Krankenhaus. Und wenn du endlich nach Hause kommst, in den Wohnwagen, in den ich nur dir zuliebe gezogen bin, fällst du sofort ins Bett.“

    „Was erwartest du von mir?“

    „Ich will, dass du mit mir redest.“

    „Das tue ich, Addison.“

    „Ich will, dass du über uns redest.“

    „Wir sprechen ununterbrochen über uns. Du sprichst ununterbrochen über uns. Und dreimal pro Woche tauschen wir uns sogar in dieser Therapiestunde über unsere Gefühle aus. Irgendwann kann ich nicht mehr.“

    „Ich bin wohl eher die, die sich mitteilt. Aber wenn wir unsere Ehe retten wollen, müssen wir miteinander reden.“

    „Das ist nicht so einfach, wie du es gern hättest. Ich kann trotzdem nicht vergessen. Ich kann nicht vergessen, dass du...“

    „... dass ich Mark geküsst habe.“

    „Ja.“

    „Wirst du mir jemals verzeihen können? Wirst du mir jemals wieder vertrauen können?“

    „Ich weiß es nicht.“

    An diesem Punkt unterbreche ich die beiden, haben sie einander doch in diesen Minuten mehr enthüllt, als es uns in all den vergangenen Sitzungen gelang. „Das reicht für den Anfang. Geben Sie einander einen Moment, um das Gesagte zu verarbeiten!“ Auch wenn es nicht die Worte waren, die sie aus dem Munde ihres Mannes hören wollte, wie der Blick in ihre Augen deutlich zeigt, haben wir dennoch damit einen kleinen Durchbruch erzielt. Meine jahrelange Berufserfahrung hat gezeigt, dass es in manch einer Situation keinen Sinn hat, krampfhaft an einer Ehe festzuhalten, sie retten zu wollen. Aber auch sie müssen sich klar darüber werden, was sie wollen, was sie von diesen Gesprächen erwarten, und müssen die Entscheidung ihres Partners akzeptieren, egal wie schmerzhaft diese sein mag. Vermutlich wissen beide tief in ihrem Inneren, worauf unsere Sitzung am heutigen Tag hinauslaufen wird, dass diese Stunde eine einschneidende Veränderung in ihrer beider und ihrem gemeinsamen Leben bedeuten wird, wie auch immer diese aussehen wird.
    Als Psychologe lernt man vom ersten Moment seines Studium, seiner Ausbildung an, dass ein Patient nur vorankommt, nur genesen kann, wenn er sich der Wahrheit stellt. Tatsache ist jedoch, dass wir auch Menschen sind, dass unsere Klienten Menschen sind, und als Mensch hat man nun einmal die Angewohnheit, den einfachsten Weg zu wählen. Aber leider ist genau dieser einfachste Weg nur selten der richtige, wird er sich doch zumeist irgendwann in einen steinigen Pfad verwandeln, der ein Vorankommen bald unmöglich macht. Derek hingegen ist ein Mann, der eben dieses Richtige tun will, auch wenn er im Grunde weiß, dass es in Wirklichkeit genau das Falsche ist, dass er sich lediglich etwas vormacht. Es mag schwer sein, in dieser Situation die Balance zwischen richtig und falsch zu finden, denn so manche Entscheidung, die zuerst falsch erscheint, kann sich in Endeffekt dennoch als richtig erweisen.
    Nach der Zeit, die ich mittlerweile mit den beiden verbrachte, Zeit, in der mir vor allem Addison ihre Empfindungen enthüllte, werde ich das Gefühl nicht los, das sie diese zweite Chance mehr will als er. Doch wenn sie einen Neuanfang wollen, egal wie dieser auch aussehen mag, müssen sie endlich vollkommen offen sein, und dieser Punkt ist nun erreicht. „Warum halten Sie an dieser Ehe fest, Derek? Warum wollen Sie sie retten? Weil Ihre Frau die Liebe Ihres Lebens ist? Oder weil sie ein heiliges Bündnis nicht brechen wollen?“ Erst nachdem ich diese Fragen gestellt habe, nimmt er den Blickkontakt mit seiner Frau wieder auf, den er nach seinem Geständnis unterbrochen hat und kämpft mit einer Antwort. Im Grunde seines Herzens weiß er schon lange, wie diese aussieht, verdrängte die Wahrheit, versuchte zu kitten, was nicht mehr zu kitten war, doch nun muss er die Tatsachen endlich aussprechen.

    „Wir haben uns voneinander entfernt, Addison. Schon bevor du Mark geküsst hast.“

    „Was soll das heißen?“

    „Dass du Recht hattest. Ich hatte dich nicht mehr wahrgenommen.“

    „Aber du nimmst sie wahr. Du nimmst Meredith Grey wahr.“

    „Was willst du damit sagen?“

    „Hast du eine Affäre mit ihr, Derek?“

    „Zwischen uns ist niemals etwas passiert.“

    „Das muss es auch nicht. Es reicht, wenn du an sie denkst. Wenn du so an sie denkst, wie du eigentlich an mich denken solltest.“

    „Ich bin ihr Oberarzt. Sie ist meine Assistenzärztin.“

    „Aber mit ihr verbringst du mehr Zeit als mit deinen anderen Assistenzärzten. Ihr wacht nachts gemeinsam über eure Patienten. Du sprichst mit ihr. Du lachst mit ihr. Du offenbarst dich ihr. Nicht mir.“

    „Addison.“

    „Vielleicht habe ich dich körperlich betrogen. Aber du hast es mental getan, indem du Gefühle für eine andere Frau entwickelt hast.“

    „Meredith und ich sind Freunde. Nichts weiter.“

    Als sie sich nach seinen Worten abwendet, blickt sie mir für einen kurzen Moment in die Augen, doch dieser Moment reicht für mich aus, um zu erkennen, dass sie ihm keinen Glauben schenkt. In all den Jahren, die sie mittlerweile verheiratet sind, die sie miteinander verbrachten, lernte sie, ihn zu durchschauen, seine Gefühle zu deuten, auch wenn er versuchte, diese vor ihr zu verbergen. Bisher will sie es vermutlich nicht wahrhaben, will die Realität nicht sehen, kämpft innerlich sogar in diesem Augenblick noch immer dagegen an. Genau dies würde doch bedeuten, dass alle Mühe, ihre Ehe zu retten, umsonst, dass ihre gemeinsame Zeit, die Zeit, die sie für den Rest ihres Lebens miteinander verbringen wollten, vergangen ist. Nun ist jedoch der Moment gekommen, da sie die Wahrheit nicht länger verdrängen, sich vor ihr verschließen kann, so sehr sie sich auch wünscht, lediglich in einem Albtraum gefangen zu sein.
    Doch mittlerweile ist es nicht mehr nur er, der ihr nicht mehr blind vertraut, auch ihr Vertrauen in ihn bekommt zunehmend stärkere Risse, beginnt, langsam zu bröckeln. Hinter ihrem Vorwurf, er hätte sie nicht mehr wahrgenommen, verbirgt sich mehr als nur der Alltag, der in einer Ehe Einzug hielt, die seit über zwölf Jahren besteht. Vielleicht mag dieser Ausdruck ein Klischee sein, aber in meinem Beruf begegnen mir leider viel zu oft Paare, die sich tatsächlich auseinandergelebt, die sich in verschiedene Richtungen entwickelt haben. Zu Beginn dieses Bündnisses stehen jene beiden Menschen am Anfang eines Weges, der zweifelsohne steinig ist, sie jedoch durch ihr gemeinsames Leben führen soll. Dieser Zeitpunkt lässt niemanden erahnen, dass eine Gabelung in diesem Pfad nicht immer bedeutet, das beide auch weiterhin die gleiche Richtung einschlagen werden.
    Die Gespräche in den vergangenen Monaten haben mir immer deutlicher gezeigt, dass das Ehepaar, das nun vor mir sitzt, sich genau an diesem Punkt befindet, an diesem Morgen offensichtlicher als je zuvor. Aber gleichzeitig sehe ich in ihrer beider Augen, dass sie sich in ihrem Inneren bereits mit dieser Tatsache abgefunden haben, dass lediglich ihr Verstand, ihr Herz das Scheitern ihrer Ehe akzeptieren muss. Ich weiß, dass es keinem von ihnen leicht fällt, ein Versprechen zu brechen, das sie vor Gott, ihrer Familie und ihren Freunden schlossen, doch wenn der Kampf um eine Beziehung verloren ist, bleibt nur diese letzte Option. Erfreulicherweise geschieht es in meiner Praxis nicht oft, dass meine Sitzungen mit einer Scheidung enden, aber auch ich muss den Umstand hinnehmen, dass meine Hilfe in manchen Fällen nicht anders aussehen kann, dass man nichts reparieren kann, was bereits in unzählige Stücke zersprungen ist.

    „Ich habe mittlerweile verstanden, dass es unwichtig ist, dass du mir verzeihst, Derek. Und ich versuche, es zu akzeptieren. Alles, was von unserer Ehe noch geblieben ist, ist ein Stück Papier.“

    „Und ein Stück Papier wird sie beenden.“

    „Trotzdem schuldest du es mir, jetzt ehrlich zu sein.“

    „Ich schulde es dir?“

    „Auch wenn ich einen Fehler gemacht habe, war ich dennoch immer aufrichtig zu dir. Ich habe ihn dir gebeichtet.“

    „Aber das macht ihn nicht ungeschehen.“

    „Nein. Aber mit diesen Konsequenzen werde ich nun auch leben müssen.“

    „Du solltest es nicht als Strafe betrachten. Unsere Ehe war bereits in New York am Ende. Dein Kuss mit Mark hat uns lediglich die Augen geöffnet.“

    „Du weichst meiner Frage aus, Derek. Auch dein Schweigen lässt deine Gefühle sich nicht in Luft auflösen.“

    „Ja. Ich empfinde etwas für Meredith. Es ist keine Rache. Ich habe mich in sie verliebt.“

    „Ich habe keine Ahnung, was ich dazu sagen soll. Dass ich es gewusst habe? Dass ich dir meinen Segen gebe?“

    „Ich weiß, dass es zu früh ist, dein Verständnis zu erwarten.“

    „Trotzdem danke für deine Ehrlichkeit.“

    „Es tut mir leid, Addison.“

    „Mir auch.“

    „Ich schätze, alles andere sollten unsere Anwälte klären.“

    „Das sollten sie wohl.“

    Stumm habe ich die letzten Worte der beiden verfolgt, sie aussprechen lassen, was sie endlich aussprechen mussten, bevor ich es ihnen nun gleich tue, mich aus meinem Sessel zu erheben und ihnen meine Hand entgegen strecke. „Leben Sie wohl, Addison. Derek. Ich wünsche Ihnen alles Gute.“ Mit einem unterdrückten Seufzen blicke ich nur Sekunden später zwei der Menschen nach, mit denen ich in den vergangenen Monaten viel Zeit verbrachte, Zeit, in der ich versuchte, ihnen zu helfen. Auch wenn ihre Besuche bei mir nicht das Ende genommen haben, das sie sich erhofften, glaube ich dennoch, ihnen etwas auf den Weg durch ihr weiteres Leben mitgegeben zu haben, wie dieser auch immer aussehen mag. Obwohl es gewöhnlich meine Funktion ist, Paare zu unterstützen, ihre Ehe zu retten, gibt es nun einmal Fälle, in denen ich nicht mehr tun kann, als sie erkennen zu lassen, dass eine Rettung keinen Sinn mehr macht. So schwer es den beiden auch gefallen ist, sich ihre Gefühle einzugestehen, sie zu akzeptieren, müssen sie von nun an lernen, damit umzugehen, eine Aufgabe, bei der ich ihnen jedoch nicht helfen kann.


    ENDE
     
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